Last Days of April, Chapter 2

Saalfeld im Nationalsozialismus – ein kritischer (Rück-) Blick

Jährlich am 09.04. begehen zahlreiche Saalfelder Bürger zusammen mit Vertretern der Stadt Saalfeld ein Gedenken an die Opfer des Bombardements gegen Ende des zweiten Weltkrieges, welches vor allem den Bahnhof und die umliegenden Gebiete traf. Was bei dieser Veranstaltung unter den Tisch fällt und fallen muss, dass der Akt gelingt die Deutschen als Opfer darzustellen, ist die Vorgeschichte der Bombardements. Diese kamen ja nicht einfach so daher, sondern ereigneten sich im Kontext eines Vernichtungskrieges unvorstellbaren Ausmaßes, den die Deutschen am 01. September 1939 lostraten. Auch Saalfeld war natürlich keine unbeteiligte und unschuldige Stadt, im Gegenteil: Der bei dem Bombardement hauptsächlich betroffene Saalfelder Bahnhof war seit 1942 Durchgangsstation für Deportationszüge, hauptsächlich aus dem fränkischen Raum. Viele Saalfelder Betriebe wurden für die Rüstungsproduktion umgestellt und beschäftigten Zwangsarbeiter. Auch in Saalfeld existierte eine Gruppe des Volkssturm, was deutlich zeigt, dass die deutsche Volksgemeinschaft eher gewillt war ihre Kinder und Alten an der Front zu verheizen, anstatt sich den Alliierten zu ergeben.

Wir wollen mit dieser Kampagne darstellen, wie es sich in Saalfeld zu Zeiten des Nationalsozialismus zugetragen hat, welche Fabriken an der Rüstungsproduktion beteiligt waren, wie jüdische Menschen verfolgt, verhaftet und in den Tod deportiert wurden und wie die Saalfelder Zivilbevölkerung an den Verbrechen beteiligt war. Folglich kann es uns nicht darum gehen schlicht historische Daten zu sammeln und vorzutragen, sondern eben auch und vorrangig darum, diese in einem gesellschaftlichen und mentalitätsgeschichtlichen Kontext zu verstehen.

Daher werden wir auch nicht nur die Fakten aufzeigen, sondern uns auch inhaltlich mit der deutschen Gedenkpolitik und dem Antisemitismus als Wesenselement der deutschen Volksgemeinschaft auseinander setzen.

3 Vorträge sind geplant:

  • 20.04.2017, 18:00 Uhr – Büro der Grünen am Saumarkt in Saalfeld

    Saalfeld im Nationalsozialismus und jüdisches Leben in Saalfeld vor der Shoah“

    • Hier wird ein kritischer Rückblick auf die Zeiten des Nationalsozialismus in Saalfeld geworfen, es wird gezeigt, wie sich die Zivilbevölkerung verhielt, wann das erste mal die Vernichtung der Juden öffentlich gepredigt wurde, welche Fabriken für die Rüstung produzierten und Zwangsarbeiter beschäftigten und was mit den jüdischen Menschen passierte, die in Saalfeld lebten.

    • Referent: Gabriel Z., Gruppe Divergenz

  • 28.04.2017, 18:00 Uhr – Haskala Saalfeld (Saalstraße)

    Antisemitismus – eine wahnhaft projektive Krisenlösungsstrategie“

    • Die Entstehung des Antisemitismus in der kapitalistischen Gesellschaft wird ebenso thematisiert wie verschiedene Erscheinungsformen. Es wird die Frage geklärt, warum Antisemitismus eben nicht einfach ein Vorurteil ist und warum es eben die Juden waren, die in den Gaskammern vernichtet wurden. Einen besonderen Blick wirft der Vortrag aus aktuellem Anlass auf den islamischen Antisemitismus und den Kontext seiner Entstehung.

    • Referent: Gabriel Z., Gruppe Divergenz

  • 05.05.2017, 19 Uhr – Haskala Saalfeld (Saalstraße)

    German Gedenken“

    • Ankündigungstext:„‘So Nazi war unser Zoo‘ titelt der Berliner Boulevard im Dezember letzten Jahres. Beinahe erstaunt stellte zu diesem Zeitpunkt nicht nur die Großstadtpresse fest, dass auch so altehrwürdige Einrichtungen wie der Berliner Zoo eine nationalsozialistische Vergangenheit haben. Ab 1938 wurden die 1500 jüdischen Zoo-Aktionäre von den Nationalsozialisten gezwungen ihre Wertpapiere von der Zoologischer Garten Berlin AG zu extrem schlechten Bedingungen zu verkaufen. Bis dato wurden diese Enteignungen in der bundesdeutschen Hauptstadt öffentlich nicht zur Kenntnis genommen. Getrieben durch die Recherchen der Historikerin Monika Schmidt, versprach der Direktor des Berliner Zoos, dass man sich ab jetzt auch ,die dunkle Seite der Geschichte des Zoos‘ widmen werde. Der Berliner Senat verkündete stolz eine im mittleren sechsstelligen Bereich liegende Summe für die Wiedergutmachung zur Verfügung zu stellen, doch anstatt einer finanziellen Entschädigung, sind eine Ausstellung sowie ein ,Fellowshipprogramm zur Stärkung des wissenschaftlichen Austausches zwischen Deutschland und Israel‘ geplant. ,Im Zentrum der Wiedergutmachung des Unrechts in der Zeit des Nationalsozialismus steht (…) heute nicht individuelle Restitution sondern öffentliche Aufarbeitung und Erinnerungsarbeit‘, erklärt der Berliner Senat auf Anfrage eines Abgeordneten und trifft damit den Kern des ‚German Gedenkens‘. Die individuellen Ansprüche der Geschädigten spielen keine Rolle, es geht um die Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit. Als Vergangenheitsbewältigungsweltmeister kennt Deutschland die Opfer des Nationalsozialismus nur als Ausstellungsstücke. Die deutschen Täter konzipieren selbst eine Ausstellung nach ihrem Gusto und greifen den moralischen Mehrwert als vielfach geläuterter Sünder ab. Der Referent wird in seinem Vortrag die Bruchlinien des deutschen Gedenkens skizzieren

    • Referent:: Rafael Selig von der #MakeZoopay-Kampagne aus Berlin

Eine Kundgebung ist geplant:

Kundgebung am 8. Mai – Tag der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands“, 16:00 Uhr auf dem Saalfelder Marktplatz

  • Am 8. Mai 1945 kapitulierte Nazideutschland bedingungslos. Damit war nicht nur schlicht der Krieg zu Ende, sondern auch der mit dem deutschen Reich einhergehende Horror in den Deutschland die Welt gestürzt hat. Es war das Ende einer systematischen und institutionellen Vernichtung von Menschen, das Ende der Shoah. An diesem Tag wurden nicht etwa die Deutschen von den Nazis befreit, sondern die Welt wurde von Deutschland befreit. Wir möchten an diesem Tag den Begriff der Befreiung, wie die gesamte deutsche Gedenkpolitik mit Blick auf den 8. Mai kritisch ins Visier nehmen.

 

 

 

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