Redebeitrag über Verschwörungstheorien

„Das Weltjudentum hat Deutschland den Krieg erklärt“, „Hinter allem Übel stecken einflussreiche Kreise an der amerikanischen Ostküste“, „es gibt raffgierige, korrupte Eliten, die das Volk nur bescheißen“ oder „die ganze Welt liegt in den Händen weniger, die uns ausbluten lassen wollen“.

Solche oder ähnliche Sätze fallen regelmäßig in Redebeiträgen wie denen von Axel Schlimper, Christian Alber oder dem Göbbes-Imitat David Köckert auf THÜGIDA-Veranstaltungen oder ähnlichen Aufzügen. Mit reißerischen Parolen werden die Zuhörer angeheizt, von Leuten die das System vermeintlich durchschaut hätten.

Viele der genannten Sätze klingen für den Otto-Normalbürger dann doch recht wirr, einige aber klingen vielen vielleicht auch einleuchtend. Denn auch in bürgerlichen und durchaus auch in linken Kreisen gehört es zum guten Ton über ,,die da oben“ zu nörgeln und zu schimpfen. So entsteht dann bei einigen doch der Eindruck, dass das was der Nazi sagt, irgendwie doch stimmt. Doch was steckt dahinter wenn Theorien konstruiert werden, die Feindbilder schaffen und die Kritik personalisieren? Was steckt hinter den Theorien der vermeintlichen Eliten, die sich gegen den „kleinen Mann“ verschworen haben sollen?

Theorien von einer (jüdischen) Weltverschwörungen waren längere Zeit eher in die hinteren Ecken des Internets verschwunden doch mit den sogenannten ,,Montagsmahnwachen für den Frieden“, wie es sie 2014 in nahezu jeder größeren deutschen Stadt, unter anderem auch in Saalfeld, gab, erlebten derartige Verschwörungstheorien ihr Comeback. Die Leute, die 2014 noch die besagten Mahnwachen organisierten und dort schon üble Reden schwangen schlossen sich in der Vergangenheit zu der „Bürgerinitiative Wir lieben Saalfeld-Rudolstadt“ zusammen und beteiligen sich seit Aufkommen der THÜGIDA-Bewegung an der Organisation von Aufmärschen und Veranstaltungen jener und predigen nun dort weiter. Wie zum Beispiel Frank Geißler aus Pößneck.

Auf den Montagsmahnwachen wurden Theorien von einer Elite, die sich gegen die Völker der Welt verschworen hätte, wieder salonfähig gemacht. Der antikapitalistische Touch und das entschlossene Auftreten einiger Akteure auf jenen Mahnwachen kam auch bei einigen Altlinken und friedensbewegten Zeitgenossen gut an, die feierlich mit in das Horn der Volksgemeinschaft bliesen.

Frei nach dem Motto: Hauptsache gegen die da oben, Hauptsache irgendwie gegen Kapitalismus. Die Montagsmahnwachen verschafften alten antisemitischen Theorien wieder eine öffentliche Plattform, auch wenn es vermieden wurde direkt von einer jüdischen Weltverschwörung zu reden. Man bediente sich lieber anderen Bezeichnungen wie der einer ,,zionistischen Weltverschwörung“, der „NWO“ oder sprach von der ,,einflussreichen amerikanischen Ostküste“. Egal welche Umschreibung aber gewählt wurde, sie alle zielten darauf ab, dass sich raffgierige Eliten, die nach der totalen Macht streben, gegen den ,,kleinen Mann“ verschworen haben.

Statt einer wirklichen Kritik des Kapitalismus, die auf die Erkenntnis hinauslaufen muss, dass Kapitalismus anders als zum Beispiel der Feudalismus, eine subjektlose Herrschaftsform ist, bei der alle Akteure austauschbar sind und alle gewissen Zwängen unterliegen, personalisiert und verkürzt man die Kritik und verfällt somit in eine unvermeidliche Regression.

Kapitalismus ist kein ominöser Hebel dessen sich irgendwelche Eliten bedienen können, sondern Kapitalismus bezeichnet die Warenförmlichkeit der Dinge, eine Produktionsform die nicht an den Bedürfnissen der Menschen orientiert ist, sondern zum Ziel hat Waren zu produzieren um Kapital anzuhäufen. Die Theorien von raffgierigen Eliten haben also nicht zum Zweck, die Grundlagen des Kapitalismus zu analysieren oder ähnliches.

Aber welchen Nutzen haben sie dann für den jeweils Einzelnen. Was bringen Verschwörungstheorien denen, die an sie glauben und denen, die sie verbreiten?

Vier wesentliche Nutzen lassen sich unterscheiden:

Der erste ist, dass diverse Verschwörungstheorien dem Ohnmachtsgefühl des „kleinen Mannes“ entgegenwirken. Der globale Kapitalismus, in dem wir alle leben, ist ein System, das durch den Einzelnen nicht überwunden werden kann. Man hat keine Möglichkeit sich diesem System zu entziehen oder vollständig auszubrechen. Diese Totalität der Verhältnisse erzeugt objektive Ohnmacht. Die Verschwörungstheorie wirkt diesem Ohnmachtsgefühl dann entgegen indem sie suggeriert, dass die Verhältnisse nur von wenigen getragen werden und das man sie durchbrechen könnte, wenn man diese wenigen beseitigt. Frei nach dem Motto: Schlagt dem König den Kopf ab und alles wird gut. ,,Objektive Verhältnisse werden einzelnen Personen zur Last geschrieben oder von ihnen [wird] das Heil erwartet“ (Adorno).

Doch wie gesagt, die Akteure im Kapitalismus sind austauschbar, der anonyme Zwang sowie die Warenförmlichkeit der Dinge bleiben bestehen, ob mit oder ohne König, Eliten oder Banken.

Der zweite Nutzen, den Verschwörungstheorien haben ist, dass sie ein Feindbild konstruieren gegen welches man seinen Verfolgungstrieb ausleben kann. Alle widerfahrene Ungerechtigkeit, alles Schlechte, alles Bedrohliche kann nun diesem Feindbild zugerechnet werden. Man hat jemanden, gegen den man seinen Hass richten kann, jemanden, der an allem Schuld ist. Ob dies nun der Realität entspricht oder nicht spielt dabei keine Rolle, da der Nutzen, der psychologische Mehrwert, der daraus geschöpft wird, völlig unabhängig davon ist ob es den Tatsachen entspricht oder nicht.

Der dritte Nutzen ist, dass die Verschwörungstheorie simple Erklärungen für komplexe, unverstandene Zusammenhänge anbietet. Somit kompensieren derartige Theorien auch die Angst vor dem Unbegriffenen. Jegliche kritische Intention wird abgetötet unter dem Hang hinter die Kulissen zu blicken. Verschwörungstheorien sind keine Kritik, sie sind nicht einmal irgendwie kritisch, sondern im Gegenteil: sie verunmöglichen jegliche Kritik da sie sich als geschlossenes System von Antworten präsentieren und den Zweck nicht in sich selbst tragen, sondern von vorn herein auf einen bestimmten äußeren Zweck gerichtet sind z.B. ominöse Mächte zu denunzieren.

Der vierte Nutzen ist der, eigene Bedürfnisse, Bestrebungen und Wünsche die man bei sich selbst nicht sehen will oder die man sich schlicht nicht eingestehen will abzuspalten und auf eine herbeihalluzinierte Elite zu projizieren. Bedürfnisse und Wünsche wie große Macht, viel Geld mit wenig Arbeit etc. die zwar den eigenen Gelüsten entsprechen, welche man jedoch nicht eingestehen will, werden auf diese Elite projiziert und anschließend gegen sie gerichtet bekämpft.

Somit erfüllt eine Verschwörungstheorie nicht den Zweck einer fundierten Gesellschaftskritik, dass soll sie auch gar nicht. Viel mehr bietet sie ,,Schemata zur Bewältigung der Realität“ an, die zwar an selbige nicht heranreichen, aber eben andere Zwecke erfüllen. Prediger und Anhänger solcher Theorien, wie wir sie auch heute wieder erleben dürfen, sind für rationale Argumente nicht zugänglich solange sie eben in dem Verblendungszusammenhang stecken.

Zum Abschluss noch einige Worte zur Frage nach der Souveränität Deutschlands, die auch heute wieder in Frage gestellt wird. Ist die BRD nun ein Souveräner Staat oder haben die Verschwörungstheoretiker doch Recht und das Deutsche Reich existiert tatsächlich immer noch?

Dazu eine kurze staatsrechtliche Exposition: Nach der militärischen Zerschlagung des Nationalsozialismus wurden noch lebende Mitglieder der Reichsregierung verhaftet und die alliierten Streitkräfte übernahmen die Staatsgewalt. Dabei stützten sie sich mit vollem Recht auf den völkerrechtlichen Grundsatz der Besatzungshoheit, welche in der Haager Landkriegsordnung, einem internationalen Abkommen von 1907, verankert ist. Auf dieser Grundlage beschlossen die Westalliierten die Gründung eines westdeutschen Teilstaates, der Bundesrepublik Deutschland. Diese sollte die Rechtsnachfolge des Dritten Reiches auf dem Gebiet der BRD antreten. Deutschland als Völkerrechtssubjekt existierte weiter, jedoch eben, und darauf kommt es an, in gewandelter Staatsform. Das gilt auch weiterhin nach dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland.

Was aber ist nun mit dem Argument, welches die Verschwörungstheoretiker immer wieder anführen, dass im Grundgesetz der Satz steht, dass das Grundgesetz außer Kraft tritt sobald eine neue Verfassung von Volk beschlossen werde? Die Antwort ist eigentlich simpel: Dies ist ganz einfach eine staatsrechtliche Selbstverständlichkeit. Jedes Volk, sofern die verfassungsgebende Gewalt von jenem ausgeht, was in der BRD der Fall ist, kann selbstverständlich jederzeit eine neue Verfassung beschließen. Solange das aber nicht passiert – aktuell gibt es diesbezüglich auch keinen ernsthaften Bedarf – gilt das Grundgesetz. Das Schöne daran ist – und das wusste schon Hegel – dass das Grundgesetz und das staatliche Recht auch für jene gilt, die es nicht anerkennen. Also können auch Reichsbürger weiterhin dafür belangt werden wenn sie z.B. keine GEZ zahlen. Und das verehrte Verwirrte von Thügida und CO. nennt man dann staatliche Souveränität.

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