Über Unbehagen und Unvermögen – die Wahl Donald Trumps und die Reaktionen darauf

Die rassistischen Amis

Donald Trump wurde entgegen aller Prognosen von selbsternannten Experten zum Präsidenten der USA gewählt. Für viele Beobachter ist damit der Worst Case eingetreten. Neben Trumps Auftreten im Wahlkampf, das von Affektivität und Unberechenbarkeit ebenso geprägt war, wie von Narzissmus und Rachsucht, sorgt sich die deutsche Öffentlichkeit darum, ob vom neuen Präsidenten eine vernünftige Politik – was immer das heißen soll – zu erwarten wäre. Wie schon zu erahnen war, waren die Reaktionen auf seine Wahl von Entrüstung gekennzeichnet. Dass es an dem Phänomen Trump einiges zu kritisieren gäbe, steht außer Frage. Die Empörungen und Verlautbarungen der erklärten Trump-Gegner verfehlen den Gegenstand jedoch völlig und zeugen davon, dass man weder in der Lage ist, das Problem zu erkennen und adäquat zu kritisieren, noch seine eigenen Affekte im Zaum zu halten und zu reflektieren. Gerade die neuen Deutschen, die nach Auschwitz und aktuell vor allem durch das Agieren in der Flüchtlingskrise moralisch so erhöht sind, allen anderen Vorschriften machen zu können, weil sie so viel aus der Geschichte gelernt hätten bzw. gerade Geschichte schreiben, sind hinsichtlich des Wahlergebnisses in den USA in hellster Aufregung.

Der Israel-Hasser Jakob Augstein polterte unlängst, dass es sich im Falle Trumps um einen Faschisten handeln würde. Hierzulande ist man schließlich Experte in Sachen Faschismus und Vergangenheitsbewältigung. Daher ist die neue deutsche Volksgemeinschaft auch kein Wiedergänger des traditionellen Nazi-Faschismus, sondern tritt in ihrer Mehrheit antirassistisch auf. Das heißt, dass nicht nur augenscheinliche Nazis als „Pack“ und Volksfeinde gelten. Auch die Volksgenossen, denen es an Flexibilität, Produktivität und vor allem Weltoffenheit mangelt, stehen unter dem Verdacht, aus der Reihe zu tanzen: Es sind all die Abgehängten die es nicht fertig bringen, sich als nützlich für die Gemeinschaft zu inszenieren, sei es durch die Ausübung eines tatsächlich, im kapitalistischen Sinne, produktiven Berufs oder durch Ehrenamt. Den größten Unmut provozieren jene, die sich dem gegenwärtigen antinationalen Konsens verweigern und sich, offenbar ganz und gar anachronistisch, an die Nation klammern, weil sie sich durch ihre Staatsangehörigkeit wenigstens eine verbriefte Existenzsicherung erhoffen, die die Folgen von Deregulierung und polit-ökonomischer Modernisierung zumindest mildern soll.

Während rechtsgerichtete Gruppen den Wahlsieg Trumps feiern, blamiert sich die Linke damit, dass sie nicht in der Lage ist, die eigentlichen Probleme zu erfassen. Völlig enthemmt erklärt man das „Phänomen Trump“ als Ausdruck von Rassismus, ohne sich die Frage zu stellen, ob Begriff und zu erklärende Sache überhaupt in einem Zusammenhang stehen. Folgerichtig wirft man den Amerikanern vor, sie seien moralisch völlig verkommen. Nicht nur, dass der Begriff des Rassismus, so wie er gebraucht wird, die Wahlgründe für Trump nicht fassen kann: er trägt dazu bei, sie zu verschleiern. Entgegen der verbreiteten Meinung, die Wähler Trumps seien alles alte rassistische weiße Männer, die gern Frauen begrapschen, haben auch junge Menschen, Frauen und Minoritäten Trump gewählt. 53% der Männer gaben an, Trump gewählt zu haben, aber eben auch 41% der Frauen. 58% der Weißen gaben Trump ihre Stimme, aber auch 29% der Latinos und 29% der Asiaten. (1)

Ohnehin ist der klassische Rassismus zunehmend ein Auslaufmodell und taugt nur noch als Kampfbegriff. Geht dieser davon aus, auf Grund unveräußerlicher Merkmale Einzelner, wie etwa der Hautfarbe, auf kollektive Eigenschaften zu schließen und dies mit einer Aufwertung der eigenen Gruppe und einer Abwertung der anderen Gruppe zu verbinden, was letztlich in der Unterstellung gipfelt, für die Kapitalverwertung nicht geeignet zu sein, so dürfte auch dem reaktionärsten Südstaatler klar sein, dass im Verwertungsprozess der Afroamerikaner für das Kapital genauso (un-)verwertbar ist, wie er selbst, dass also jeder mit jedem objektiv austauschbar ist und sich die Einzelnen unabhängig von Hautfarbe u.ä. als gleichwertige Konkurrenten begegnen.

Das Erfolgsmodell Populismus

Wesentlich zu dem Erfolg Trumps beigetragen hat, dass er den herkömmlichen, nivellierenden Politiksprech nicht beherrscht und auch gar nicht beherrschen will. Gekoppelt daran ist das Phänomen, dass ein Sozialcharakter auf dem Vormarsch ist, der die eigene Meinung als absolut setzt, wie unvernünftig sie auch immer sein mag. Verbringt man nur mal etwas Zeit in sozialen Netzwerken, besonders in den Kommentarspalten, muss man nicht lange suchen und man wird einen Kommentar finden, der vor Unvernunft geradezu strotzt, eventuell sogar weit unter die Gürtellinie geht oder schlimmer. Am Ende stehen dann meist Sätze wie: „Jeder hat seine Meinung und das ist eben meine.“ oder „ist nur meine Meinung“, wobei das „nur“ eher ironisch zu verstehen ist. Spätestens aber, wenn man die Zeitverschwendung begeht, auf solche Kommentare zu antworten, man es sich gar heraus nimmt, die für unantastbar gehaltene Meinung ihrer objektiven Falschheit zu überführen, dann wird man schnell erleben, wie das virtuelle Gegenüber nunmehr aggressiv und umso verbissener das offensichtlich Falsche verteidigt und sich somit gegen jegliche Kritik abdichtet. Meine Meinung, deine Meinung, richtig und falsch existieren nicht mehr, nur noch verschiedene Meinungen. Hier fügt sich auch die post-strukturalistische Sprechorttheorie ein, die ebenfalls keine Wahrheit mehr kennt und gerade deshalb im akademischen Betrieb und bei Linken Konjunktur hat, da es nicht mehr darum geht, den objektiven Gehalt einer Sache zu ergründen.

Jegliche Kritik wird sofort als narzisstische Kränkung erlebt, eine vernünftige Diskussion oder gar ein Streitgespräch sind nicht mehr auszudenken. Eine wertschätzende kritische Kommunikation miteinander kommt nicht einmal mehr ansatzweise zu Stande. Gerade das Internet eröffnet dabei eine gewaltige Möglichkeit, sich mit anderen Personen auszutauschen, sein Wissen zu erweitern und zu überprüfen etc. pp. Das tun auch einige Menschen, aber einem Großteil, zumindest den aktiven in sozialen Netzwerken, scheint es nur noch darum zu gehen, den jeweils anderen in Kommentarspalten fertig zu machen, sich Gleichgesinnte zu suchen und sich seiner eigenen Meinung zu versichern. Eine Diskussion darüber, wie die Verhältnisse zum Wohle aller und nach den Maßgaben der Vernunft einzurichten seien, kommt nicht mal mehr ansatzweise auf.

Endlich Tacheles

Diese Versessenheit auf die eigene Meinung und die zunehmende Kritikunfähigkeit schlagen sich auch im Politischen nieder. Immer unverblümter wird sichtbar, dass die Menschen nicht die Parteien wählen, die vernünftige Lösungen versprechen oder vorschlagen, wie mager diese unter den gegebenen Bedingungen auch ausfallen mögen, sondern jene, die das eigene Ressentiment am besten bedienen. Kein Wunder also, dass eine AfD wohlwollend in den gesellschaftlichen Tenor einstimmt und sich prompt ins Parteiprogramm schreibt: „Ändern Sie nicht ihre Meinung, ändern Sie die Politik“. Damit gaben sie all jenen, denen die eigene Meinung als absolut gilt, nicht nur einen Slogan, sondern zugleich auch eine neue politische Heimat, indem sie Parolen der „Altparteien“ radikalisierte. Aber nicht nur in Deutschland hat diese Problematik bedenkliche Verbreitung erfahren, auch in anderen Ländern stehen Menschen und Parteien an der Spitze des Staates, oder zur Wahl, die keinerlei Restvernunft mehr anbieten können, aber es verstehen, sich als dauerbeleidigter Individualist aufzuspielen und alle chronisch Zukurzgekommenen hinter sich zu vereinigen.

Das grundlegende Problem ist nicht Donald Trump, sondern vielmehr, dass die Menschen sich mit ihrem Halbwissen eingerichtet haben, dass jede kritische Intention und jeder Anspruch an sich selbst gewichen ist, dass viele und immer mehr die eigene Meinung als absolut setzen und eine vernünftige Verständigung immer mehr verunmöglicht wird. Kritikunfähigkeit, falsche Zufriedenheit gepaart mit oberflächlicher Bildung und die Unfähigkeit, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und nach den Maßgaben der Vernunft zu handeln, schließlich noch die zunehmende Unfähigkeit, durch eigenes Nachdenken auf befriedigende Lösungen zu kommen, überhaupt die Annahme, jede Meinung sei irgendwie richtig und es gibt ohnehin keine Wahrheit mehr, sind die Garanten für den Erfolg von Populisten wie Trump.

Das Kapital, seine Deutschen und der Rassismus

Dass mit der Wahl Donald Trumps der Populismus auch in den USA zum Erfolgsmodell wurde, kann jedoch nur begriffen werden, wenn man die polit-ökonomischen Hintergründe in den Fokus rückt. Betrachtet man die Regionen, in denen Trump besonders häufig gewählt wurde, so fällt auf, dass es vor allem die maroden Industriegebiete, wie der „Rust Belt“ im Nordosten der USA, sind. Deren Bewohner gehören in ihrer Mehrheit dem abgehängten ehemaligen Proletariat an, das nicht nur deutsche Antirassisten längst abgeschrieben haben. Judith Görs erkannte dies völlig richtig in ihrem Artikel auf ntv.de: „Aber gerade in den sogenannten „Rust Belt“- Industriestaaten – etwa in Indiana, Ohio und Pennsylvania – traf Trump mit seinem Wahlslogan ins Schwarze. Viele Wähler glaubten ihm, als er versprach, die Jobs der Fabrikarbeiter zurückzuholen.“ (2)

Die Orte der Mehrwertproduktion liegen heute tausende Kilometer entfernt von den Orten der Mehrwertrealisierung. Die kapitalistische Produktion im herkömmlichen Sinne wurde ausgelagert in die Peripherie, nach Bangladesch oder in andere Billiglohnländer. Das einheimische Proletariat in den Vereinigten Staaten ist im wahrsten Sinne des Wortes wertlos geworden. Viele tausend Menschen wurden durch dieses Outsourcing in prekäre Lebenssituationen gedrängt. Durch die schmerzhafte und bedrückende Einsicht in diese eigene Überflüssigkeit und die Erfahrung, letztendlich völlig wertlos zu sein ist es nachvollziehbar, dass die Abgehängten sich gegen diese Tendenzen zur Wehr setzen (wollen). Nur gibt es unter den bestehenden Verhältnissen nicht die Lösung, die der ein oder andere sich vielleicht herbeisehnt. Doch ähnlich wie beim Brexit auch geschehen ist, setzt man sich mit diesen ökonomischen Gründen nicht auseinander, sondern erkennt in dem Protest gegen die eigene Deklassierung und gegen die sozialpolitischen Folgen der Deindustrialisierung, wie auch immer dieser ausfällt, nur vulgären Rassismus von alten weißen Männern.

Mit ökonomischen, durchaus realen, Grundlagen beschäftigen sich die neuen, antirassistischen und antinationalen Deutschen nicht. Sie haben es schnell gelernt, alle Abgehängten zynisch zu verspotten, die noch auf die Reste der nationalstaatlichen Existenzsicherung angewiesen sind. Die neuen Deutschen folgen den Tendenzen des Kapitals fast schon automatisch, sie haben es gelernt, sich als nützlich und wertvoll für die Sozialgemeinschaft zu inszenieren indem sie in völliger Überidentifikation die Prinzipien des fortschreitenden Kapitalismus vollständig verinnerlicht haben. Sie kennen, wie das Kapital, weder Grenzen noch Pausen, weder Ruhe und Faulheit noch Genuss, aber dafür sind sie alle flexibel, jeder Zeit bereit auch ohne Vergütung volle Leistung abzurufen (wie z.B. als Hilfssouverän in der Flüchtlingskrise) und richten sich auch in den schäbigsten, engsten Behausungen ein, machen dies sogar noch zum absoluten Ausdruck ihrer eigenen Bescheidenheit. Sie denunzieren all jene, die sich lieber „auf die faule Haut“ legen, um sich selbst als nützlich und wertvoll zu inszenieren, aber auch sie wissen insgeheim, dass sie objektiv längst überflüssig sind.

Trump und der Islam

Donald Trump ist ohne Frage eine sehr unangenehme und unberechenbare Gestalt, der man nur schwer ein Residuum von Restvernunft andichten mag. Jedoch wird er aufgrund seiner mangelnden Erfahrung und aufgrund der Konstellation der Administration in den USA keineswegs alles durchsetzen können oder gar im Alleingang regieren. Vielmehr werden seine Berater, der Kongress und das Kabinett viele Entscheidungen fällen. Durchaus positiv anzumerken ist wohl, dass Donald Trump, anders als sein Vorgänger, wohl weitaus weniger dem Islam zugeneigt sein wird. In Ankara und Teheran gibt es daher wohl wesentlich weniger zu feiern als vielleicht auf den ersten Blick anzunehmen ist. Anders als Barack Obama dürfte Trump wohl kaum Schuldgefühle haben und den Islamismus als Resultat einer, wie auch immer gearteten, vermeintlich imperialistischen Politik des Westens zurechtlügen. Es war nicht nur bei Obama, sondern auch bei den neuen Deutschen, Grundtenor, dass der Islamismus lediglich eine Reaktion auf die Aktionen des Westens, vor allem auf die kriegerischen Interventionen, sei. Die eigenständige politische Ideologie des Islamismus als antizivilisatorische Krisenlösungsstrategie wird völlig verkannt und verklärt. Der gegenwärtige Islamismus ist dabei vielmehr das Resultat von ausgebliebenen militärischen Interventionen, als das von tatsächlich durchgeführten. Auch dürfte sich Trumps Faszination für die „fremde Kultur“ eher in Grenzen halten. Es gibt daher Grund zur Hoffnung, dass Donald Trump und seine Administration u.a. das Atomabkommen mit dem klerikal-faschistischen Regime in Teheran kippen könnten und eventuell auch gegenüber Erdogan eine andere Linie einschlagen, prognostizieren kann man dahingehend allerdings noch nichts, da der politische Kurs von Trump völlig unklar ist. Hinsichtlich der Einladung des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu ist zumindest nicht auszuschließen, dass das Verhältnis von Amerika und Israel unter der Trump-Administration wieder besser wird als jenes unter Barack Obama.

Mehr Vernunft, weniger Hysterie

Es soll an dieser Stelle nicht darum gehen, Prognosen für die Zukunft aufzustellen, da es einfach völlig unklar ist, wohin die Politik Trumps führen wird, aber es sei so viel gesagt, dass natürlich auch Donald Trump den Lauf der Welt und des Kapitals nicht zurückdrehen kann, dass auch er die Industrie nicht wieder an ihre althergebrachten Standorte zurückholen wird. Es gibt viele gute Gründe sich gegen Trump auszusprechen, da er tatsächlich eher einem, in Rage geratenen, Rotzlöffel als einem vernunftbegabten Wesen gleicht, doch die Reaktionen auf seine Wahl zum Präsidenten zeugen mindestens ebenso von mangelnder Affektkontrolle, wie Trumps verbale Ausbrüche gegen Frauen und Minoritäten. Es gilt, frei nach Adorno, auch aktuell sich weder von der eigenen Ohnmacht, noch von der Dummheit anderer Blind machen zu lassen und ohne Hysterie und inflationäre Rassismusvorwürfe die US-Wahl zu reflektieren, Trump zu kritisieren, aber auch die Möglichkeiten nicht außer Acht zu lassen, die sich eventuell mit der Wahl Donald Trumps auftun könnten. Was Trump letztendlich tatsächlich politisch umsetzt, wird die Zukunft zeigen, vorerst gilt es erst einmal abzuwarten und nicht vollständig der Unvernunft zu verfallen.

Anmerkungen:

(1) https://de.statista.com/statistik/daten/studie/631099/umfrage/us-wahl-2016-trump-vs-clinton-wahlverhalten-nachbevoelkerungsgruppen/ (Zugriff: 12.11.2016, 11:00 Uhr)

(2) http://www.n-tv.de/politik/Wer-waehlte-Trump-article19046971.html (Zugriff: 12.11.2016, 13:00 Uhr)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s