Antisemitismus – eine wahnhaft projektive Krisenlösungsstrategie und ihr Entstehen

Antisemitismus – mehr als ein Vorurteil

Wenn von Antisemitismus die Rede ist, bezeichnet dieser in den meisten Fällen eine ablehnende Haltung gegenüber Jüdinnen und Juden. Der Antisemitismus wird verklärt zu einem Vorurteil, einer Irrung von Einzelpersonen oder Gruppierungen, oder zu schlichter Dummheit die durch Unwissenheit hervorgerufen werde. Doch Antisemitismus ist weitaus mehr als das. Beim Antisemitismus handelt es sich um ein objektives gesellschaftliches Verhältnis, um ein Produkt der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft, dem in seiner manifestierten Form allein durch Aufklärungs- oder Bildungsarbeit nicht beizukommen ist. Der Antisemitismus ist eine Reaktion des bürgerlichen Subjekts auf die eigene objektive Überflüssigkeit im Kapitalismus. Um sich vor dieser Einsicht zu schützen bedient sich das Subjekt, eben weil es Subjekt bleiben und nicht zu einem ohnmächtigen Objekt der Macht degradiert sein will, antisemitischen Welterklärungsmustern.

Das bürgerliche Subjekt ist nicht in der Lage, Identität aus sich selbst heraus gewinnen, es generiert selbige also in Abgrenzung zu dem Höherwertigem und zum Minderwertigem. Der Kampf gegen das Höherwertige schlägt sich im Antisemitismus nieder, der Kampf gegen das Minderwertige im Rassismus. Beides sind daher objektiv gesellschaftliche Verhältnisse aber sie sind dennoch nicht das Gleiche. Im Gegensatz zum Antisemitismus hat der Rassismus keinen totalitären Anspruch, er ist also kein allumfassendes Welterklärungsmuster. Der Antisemitismus aber hat diesen totalitären Anspruch. Platt gesagt traut man den Minderwertigen schlicht nicht zu die Welt aus dem Hinterzimmer zu lenken und zu regieren. Den Höherwertigen aber attestiert man dies.

Kapitalistische Vergesellschaftung und Antisemitismus

Die kapitalistische Produktionsweise ist unvernünftig, sie dürfte, wenn man Hegel beim Wort nimmt und alles Wirkliche vernünftig und das Vernünftige wirklich wäre, überhaupt nicht existieren. Die Gattung Mensch ist durch den Kapitalismus gespalten, es handelt sich um eine „Herrschaft des Menschen über den Menschen“ (Marx). Doch ist diese Herrschaft nicht direkt und unvermittelt wie es etwa im Feudalismus war, sondern sie ist im Kapitalismus eine vermittelte. Die Akteure im Kapitalismus, selbst die noch, die scheinbar von ihm profitieren, unterliegen einem „anonymen Zwang“, den Zwang zur Konkurrenz, den unbedingten Zwang zur Mehrwertproduktion. Die Totalität der Verhältnisse erscheint als naturgegeben, es wird verkannt, dass auch diese menschenverachtende Produktionsform das Werk von Menschen ist. Die Gesellschaft erscheint als ein verselbstständigter Mechanismus, den nichts stören oder gar aufhalten kann. Keine Krise, kein fortlaufend produziertes Elend, keine Entmenschlichung scheint stark genug und verheerend genug um dieses System in seinen Grundfesten zu erschüttern. Die kapitalistische Gesellschaft erscheint als „autarkes Subjekt“ (ISF), als völlig „autonomes System“ (ISF) formiert. Das Unbegreifliche, notwendigerweise nicht aus dem Begriff heraus zu entwickelnde des Kapitalismus liegt also nicht darin, wie er nun eigentlich funktioniert, sondern eben darin, warum er überhaupt funktionieren kann, denn er ist von Grund auf unvernünftig. Der Kapitalismus basiert auf Widersprüchen, die nicht unter den Begriff der Vernunft zu fassen sind. Er presst völlig verschiedene Gebrauchsgüter in eine allgemeine Form, die der Waren. Diesen Waren tritt dann ihr verdinglichter gesellschaftlicher Charakter in Form des Geldes gegenüber. Letztlich ist es auch nicht zu begreifen warum das Geld, also das allgemeine Äquivalent der Waren, sich hindurch durch die Gebrauchswerte nur auf sich selbst bezieht. Ware und Geld existieren existieren nämlich beide als verschiedene Existenzweisen des Wertes selbst, Geld als allgemeine, die Ware als besondere Wertform. Das Geld, also die allgemeine Wertform bezieht sich allerdings hindurch durch die besondere Wertform, also die Ware im Kapitalismus stets auf sich selbst, nämlich in der Zirkulationsform G-W-G. An die Stelle der ursprünglichen Idee Verkaufen um Kaufen zu können ist die Idee getreten zu Kaufen um Verkaufen (statt W-G-W nun G-W-G) zu können, letztlich wird Geld gegen Geld getauscht mit dem Ziel Mehrwert zu erwirtschaften, also das Kapital zu vermehren und anzuhäufen. In der ersten Form wird Geld zu Ware, letztendlich zum Gebrauchswert, denn der Käufer kauft die Ware um ein Bedürfnis zu befriedigen. Es wird also mit der Absicht der Bedürfnisbefriedigung gehandelt. Bei der zweiten Form allerdings wird Geld ausgegeben um mehr Geld zu erhalten. Das Geld wird also nicht wirklich ausgegeben sondern nur vorgeschossen. Also der Zirkulationssphäre nur zugeführt um mehr Geld aus ihr heraus zu ziehen. Bei der ersten Form ist also der Gebrauchswert Zweck der Zirkulation, bei der zweiten der Tauschwert. Geld-Ware-Mehrgeld (G-W-G‘) ist die allgemeine Form des Kapitals. Der Wert geht ständig von der einen Form in die andere über ohne sich zu verlieren. Um Kapital anzuhäufen muss das Geld daran gehindert werden zu zirkulieren, derjenige also der Geld anhäufen möchte opfert seine Bedürfnisse dem Geldfetisch. Der Mehrwert jedoch entsteht nicht im Tausch, sondern hinter dem Rücken des Arbeiters. Die Arbeitskraft reproduziert im Produktionsprozess ihr eigenes Äquivalent und noch einen Überschuss darüber, diese Mehrarbeit ist vergegenständlicht im Mehrwert.

Aufgrund dieser zahlreichen Unvernünftigkeiten und Widersprüche erklärt sich, dass manche Menschen den Kapitalismus als Werk finsterer Mächte und ihrer satanischen Machenschaften ansehen. Wie auch immer diese tituliert werden. Sie verstehen nicht, wie aus einem äquivaltenen Tausch am Ende mehr herauskommen kann als ursprünglich da war und schreiben diese Tatsache finsteren Mächten zu.

Kapitalistische Produktion und Subjektformierung

Die Beziehungen von Herrschaft, Unterdrückung, Ausbeutung, und Entmenschlichung bedingen die Subjektformierung des Individuums im Kapitalismus, sie bilden die Grundlagen für die kapitalistische Charakterdisposition. Also das Vermögen des Subjekts etwas zu tun oder zu erleiden beziehungsweise sich selbst Gewalt zuzufügen um am Markt bestehen zu können oder den eigenen Marktwert zu steigern. Subjektformierung, dass meint hier vor allem die Verdinglichung des individuellen Lebens zu einer Ware, oder eben einem Ding, das zum Träger der bestehenden Verhältnisse wird. Der Mensch ist stets nur Subjekt in der bürgerlichen Gesellschaft, da er von seiner eigenen Körperlichkeit und seinen eigenen Bedürfnissen absehen muss, um Konkurrenzfähig zu werden, oder zu bleiben.

Die eigene Natur dient dem Menschen letztlich nur als Ausweis der eigenen Besonderheit in seiner zweiten Natur, also der Gesellschaft. Er ist gezwungen seine Naturessourcen als Mittel am Arbeitsmarkt zu verwalten. Der Körper hat einerseits einen enormen Stellenwert wenn es um Selbstoptimierung geht, die letztendlich auch nur darauf abzielt seinen Tauschwert zu steigern. Andererseits wird der Körper aber immer unwichtiger, da die körperlich anspruchsvolle Arbeit mehr und mehr ausgelagert wird (z.B. nach China). Am besten fühlt sich das bürgerliche Subjekt dann, wenn es seinen Körper nicht spürt, denn wenn es ihn zu spüren bekommt, dann deutet dies darauf hin, dass man irgendetwas falsch gemacht hat und/oder sich eine Krankheit anbahnt.

Das Subjekt besitzt im Grunde nur eine einzige Ware, seine Arbeitskraft, welche es am Arbeitsmarkt versucht zu verkaufen. Es fügt sich Gewalt zu um seine Arbeitskraft möglichst rentabel verkaufen zu können. Der Mensch verschwindet hinter der Ware und wird schließlich durch Entlöhnung dieser selbst zur Ware und damit zum Ding, was einer völligen Entmenschlichung gleichkommt. In der Produktion erhält die individuelle, produzierende Arbeit die Form der Gleichheit mit der Arbeit anderer, sie erhält den Charakter einer allgemein warenproduzierenden Arbeit, die folglich eine Ware produziert die direkt mit der produzierten Waren eines anderen austauschbar ist. Vom Menschen und seiner konkreten Arbeit wird abstrahiert, es bleibt schlicht der produzierte Tauschwert übrig.

Das Subjekt wird bei dieser Produktionsweise objektiv austauschbar. Karl Marx schrieb dazu wie folgt: ,,Die Produktion produziert den Menschen nicht nur als eine Ware, die Menschenware, den Menschen in der Bestimmung der Ware, sie produziert ihn ebenso als ein geistig wie körperlich entmenschlichtes Wesen ihr Produkt ist die selbstbewusste und selbstständige Ware, die Menschenware“1. Die kapitalistische Produktionsweise erzeugt, nach Marx, einen hässlichen Menschen, das Individuum wird objektiv am Arbeitsmarkt austauschbar und hat nebenher keine Möglichkeit diesen Verhältnissen zu entfliehen. Diese Totalität der Verhältnisse, die durch das einzelne Individuum nicht überwunden werden kann, erzeugt das Gefühl und auch eine tatsächliche objektive Überflüssigkeit des Einzelnen und ein Gefühl von Ohnmacht. Um sich vor der Einsicht in eben diese Überflüssigkeit zu entziehen flüchtet sich das Subjekt, das Subjekt bleiben will, dann in ideologische Welterklärungsmuster und sucht gleichsam nach einer Projektionsfläche für seine unterdrückten Bedürfnisse und für die Gewalt die es sich selbst zufügen muss. Und genau da kommt der Antisemitismus mehr als gelegen.

Er bietet auf der einen Seite eine Projektionsfläche auf welche die pathetische Projektion verübt werden und auf der anderen Seite ein Welterklärungsmuster, welches die Krisenhaftigkeit vom Kapitalismus abspaltet, es ermöglicht einen Schuldigen am persönlichem Elend dingfest zu machen und die Wut im Kollektiv zu sanktionieren.

,,Im Bild des Juden, das die Völkischen vor der Welt aufrichten, drucken sie ihr eigenes Wesen aus. Ihr Gelüste ist ausschließlicher Besitz, Aneignung, Macht ohne Grenzen, um jeden Preis. Den Juden, mit dieser ihrer Schuld beladen, als Herrscher verhöhnt, schlagen sie ans Kreuz, endlos das Opfer wiederholend, an dessen Kraft sie nicht glauben können.“

(Adorno, Horkheimer – Dialektik der Aufklärung)2

Der Antisemitismus bietet dem Subjekt entlastende Handlungs- und Orientierungsmuster an, die Juden repräsentieren und personalisieren dann alles, was im Kapitalismus nicht begriffen und somit als beängstigend empfunden wird.

Der Antisemitismus hat zahlreiche Erscheinungsformen und wandelte im Laufe der Zeit des Öfteren seine Gestalt, vor allem der moderne Antisemitismus wandelte seine Gestalt nach der militärischen Zerschlagung des Nationalsozialismus, behielt aber stets sein Ziel, die Vernichtung der Juden im Blick. Auf ein paar dieser Erscheinungsformen gehen wir nun genauer ein.

Erscheinungsformen des Antisemitismus:

Antisemitismus im Nationalsozialismus und rechter Antisemitismus

Der Antisemitismus war das, was die nationalsozialistische Volksgemeinschaft wesentlich zusammenhielt. In der Volksgemeinschaft war der Klassenantagonismus und mit ihm das Kapitalverhältnis negativ aufgehoben, die Mitglieder der Volksgemeinschaft fühlten sich als ein naturwüchsiges Gemeinwesen und suchten gleichzeitig Schutz vor den Auswirkungen des als bedrohlich empfundenen Weltmarktes im Volksstaat. Die Juden galten ihnen nicht als eine Minderheit unter vielen, sondern sie waren identifiziert als ,,Gegenrasse“ (Adorno/Horkheimer). Von ihnen ging in der Ideologie der Nationalsozialisten alles Schlechte der Welt aus, sie wurden für die Krisenhaftigkeit und die damit verbundene zerstörerische Dynamik des Kapitalismus verantwortlich gemacht indem sie als das raffende, das schlechte, das gierige Kapital gebrandmarkt wurden. Von der Ausrottung der Juden sollte folglich das Glück der Welt abhängen. Die Mitglieder der Volksgemeinschaft sehnten sich nach einer bürgerlichen Gesellschaft ohne Krise, ohne Konkurrenz und folglich ohne Juden. Dieses streben nach krisenfreier Akkumulation wurde bis hin zum bürokratisch organisierten, industriellen Massenmord getrieben.

Antikapitalistischer Antisemitismus:

Dem Antikapitalistischen Antisemitismus liegt der wesentliche Moment zugrunde, die Krise vom Kapitalismus abzuspalten und sie auf ein ,,Anti-Subjekt“ (Adorno/Horkheimer) zu projizieren. Eine fundierte Wertkritik wird hier sehr oft durch eine Kritik am Zinssystem oder ähnliches ersetzt, diese ist nicht nur irgendwie verkürzt, sondern schlicht und einfach falsch, sie sucht nach einer einfachen Erklärung für Unverstandenes im Kapitalverhältnis und sucht dabei stets auch einen Schuldigen am Elend auf welchen man dann die pathetische Projektion der eigenen Gelüste vollziehen kann und welchen man sozusagen stellvertretend als Verursacher der kapitalistischen Krise ,,ans Kreuz nageln“ kann. Oftmals richtet sich die Anklage schließlich gegen die westliche Welt, welche als schuldig am Kapitalismus identifiziert wird, doch entgegen dieser auf Fahlanalysen und dem Bedürfnis zur Projektion und Abspaltung beruhenden Anklage ist einzulegen, dass der Kapitalismus kein ,,Hebel“ der westlichen Welt ist, oder von dieser ,,benutzt“ wird um ,,die Weltherrschaft“ zu erlangen und andere Völker zu unterdrücken, sondern ein abstraktes System, die Warenförmlichkeit der Dinge. Feindbilder in diesem Konkretionswahn, der sich nicht damit abfinden kann, dass es keine Schuldigen am Kapitalismus gibt, sind meist die Bänker, Bonzen, Politiker, Bankenaufsichtsräte, …. , eben jene die aufallend nicht primär körperlich arbeiten. Adorno und Horkheimer bemerkten in der Dialektik der Aufklärung

,,Dazu [zum Hirngespinst von der Verschwörung lüsterner jüdischer Bankiers, die den Bolschewismus finanzieren] gesellt sich das Bild des Intellektuellen; er scheint zu denken, was die anderen sich nicht gönnen, und vergießt nicht den Schweiß von Mühsal und Körperkraft. Der Bankier wie der Intellektuelle, Geld und Geist, die Exponenten der Zirkulation, sind das verleugnete Wunschbild der durch Herrschaft Verstümmelten, dessen die Herrschaft sich zu ihrer eigenen Verewigung bedient.“3

Diese Form des Antisemitismus ist sowohl im bürgerlichem Spektrum, wie auch in der parlamentarischen und außerparlamentarischen Linken und Rechten sehr gravierend vertreten. Dies lässt sich alljährlich zu den Blockupy-Protesten und an der Mobilisierung dieser erahnen, die sich regelmäßig antisemitischer Symbolik und antisemitischer Kapitalismuskritik bedienen und nach Schuldigen suchen.

christlich – religiöser Antisemitismus

,,Eher bezeugt der Eifer, mit dem der Antisemitismus seine religiöse Tradition verleugnet, daß sie ihm insgeheim nicht weniger tief innewohnt […] Religion ward als Kulturgut eingegliedert, nicht aufgehoben“4

,,Bei den deutschen Christen blieb von der Religion der Liebe nichts übrig als der Antisemitismus“5

Beide Zitate beziehen sich auf den Antisemitismus im Christentum, der seit jeher ein zentraler Bestandteil dieser Religion ist – genannt sei hier vor allem Luthers „Maßnahmenkatalog“ in dem er dazu aufruft die Häuser der Juden zu zerstören, ihre Gotteshäuser anzuzünden, ihre Schriften zu verbrennen, ihnen das „Recht auf Benutzung der Straße“ abzusprechen, den Juden den „Wucher“ zu verbieten und „alles was sie uns gestohlen und durch ihren Wucher geraubt haben“ zurück zu holen, sowie die Juden zu harter Arbeit zu zwingen. Luther sah zudem die Austreibung der Juden als gesamteuropäische Aufgabe. Der christliche Antisemitismus war der Hauptgrund für fast zwei Jahrhunderte Judenverfolgung. Dieser Antisemitismus verschwindet nicht einfach, nur weil man die Religion verleugnet, sondern wird im Gegenteil eher ergänzt von anderen Einflüssen und Ideologien. Das Christentum, wie die Religion allgemein hatte seit ihrer Entstehung stets den Zweck, dem Leiden der Menschen und dem Elend das diese ertragen mussten einen Zweck zu geben. Die Flucht in die Irrationalität der Religion konnte die Entmenschlichung im realen Leben kanalisieren und kompensieren. Man verlieh seinem Elend einen höheren Zweck und schon war es nicht mehr sinnlos und dadurch erträglich geworden. Der Glaube der einst dem religiösen Gott galt, galt alsbald dem als gottgleich verehrten Führer – es wurde von hochrangigen Christen vom „gottgesegneten Kampf des Führers“ gesprochen- der ebenso wie die einstige Religion einen Ausstieg aus dem allgegenwärtigem Elend bot, dem Leiden einen Sinn und einen höheren Zweck verlieh. Vom Glauben übrig blieb dann nur ,, der Haß gegen die, welche den Glauben nicht teilen“6 (Adorno/Horkheimer). So gingen die einstigen Werte wie Nächstenliebe, Solidarität und Akzeptanz verloren zugunsten des Antisemitismus.

Der christliche Antisemitismus findet seinen Ursprung darin, dass die ,,Unverbindlichkeit des geistlichen Heilsversprechens“7, nämlich dass die Menschen wenn sie die religiöse Lehre und die damit verbundenen Praktiken befolgen Erlösung finden und bekommen, keine Garantie darstellt und auch keine Garantie abgeben kann. Im Judentum wurde der Glaube, auch wenn dieser keiner rationalen Idee oder Überlegung entsprang doch relativ schnell rationalisiert und vom Arbeitsprozess und damit von der gesellschaftlichen Selbsterhaltung kaum gesondert. Die Juden stehen seit jeher für die Heilserwartung ohne Opfer, während man zum Beispiel im Christentum nur durch Aufopferung das Heil erwarten konnte. Aus dem Glauben wurden rationale Regelungen abgeleitet, die dem gesellschaftlichem Leben dienten. Sie relativierten damit die ,,Magie“ die dem geistlichen immanent war und ist. Das Judentum hat ,,die Tabus in zivilisatorische Maxime gewandelt, da die anderen noch bei der Magie hielten. Den Juden schien gelungen, worum das Christentum vergebens sich mühte: die Entmächtigung der Magie“8 Die Christen jedoch verweigerten sich vehement der Rationalisierung und hielten fest an ihrem Heilsversprechen. Sie hassten die Juden als jene, welche es ,,besser wussten“.

Die Juden wurden zudem gehasst als die Widersacher Gottes, die die göttliche Lehre verfälschten, und sie damit de facto zerstörten. Denn die Juden wollten Christus nicht als Messias anerkennen, sie verweigerten sich der „Macht und Wahrheit“ Christi. Und weil die Juden Jesus Christus nicht als Messias anerkennen wurden sie, so die Christen, von ihrem Gott verworfen und bestraft mit Verfolgung, Zerstreuung und Vertreibung. Die Christen sahen sich durch die Tatsache, dass die Juden seit ca. 70 n.Chr. Konstant verfolgt wurden darin bestätigt, dass sie in ihrem Glauben Recht hatten und die Juden eben selbst Schuld seien, wenn sie den Heiland nicht anerkennen. ,,Der Antisemitismus soll bestätigen, daß das Ritual von Glaube und Geschichte recht hat, indem er es an jenen vollstreckt, die solches Recht verneinen.“

Islamischer Antisemitismus mit Blick auf die besonderen gesellschaftlichen Bedingungen

Der islamische Antisemitismus ist ein Thema über das unbedingt geredet werden muss. Als der Vorsitzende des Zentralrates der Juden das Thema jedoch offen bei einem Treffen mit der Bundeskanzlerin und Vertretern von Verbänden, Religionsgemeinschaften, Gewerkschaften etc. ansprach, erntete er nur ,,betretene Stille“9 von den Anwesenden. Der Grund für diese Stille dürfte die Sprachlosigkeit sein in die er die versetzt hat die sonst nur allzu gern über den Islam reden. Doch auf dieses Anliegen fanden sie einfach keine Antwort, schließlich gehört es sich im neuen Deutschland nicht, den Islam, oder fremde Kulturen allgemein, zu kritisieren. Doch Antisemitismus ist eben nichts, was man als ,,kulturellen Pluralismus“ unkritisch hinnehmen kann, nur weil man Angst hat von Menschen denen differenziertes Denken ein Übel ist in einen Topf mit Rechtspopulisten geworfen zu werden. Der Unterschied, und auf den kommt es hier eben an ist, dass man den Islam nicht wie bei den Rechtspopulisten zur Projektionsfläche macht, sondern zum Gegenstand einer Kritik. Bezogen auf den Antisemitismus heißt das, dass man sich erst einmal darüber im Klaren seien muss, dass viele Flüchtlinge aus Ländern kommen in denen das Wort ,,Jude“ als Beleidigung fungiert und in dem Israel das Feinbild Nummer eins ist. Zudem konzipiert sich die Gesellschaft und das Recht in islamischen Ländern anders. Während im westlich-kapitalistischen Raum die Rechtsordnung, das rationale Recht, seinen Grund in der Warenproduktion nimmt, da die Gleichheit im bürgerlichen Recht also quasi Funktion, Voraussetzung und Resultat des Äquivalententausches ist, basiert die islamische Rechtsordnung wesentlich auf der Sharia. Zweck dieser Rechtsordnung ist nicht die Kapitalakkumulation, also die Verwertung von Wert, sondern die Errichtung einer gottgewollten Ordnung. Dieses Recht basiert direkt auf diversen Unterscheidungen zwischen den Menschen (zwischen Männern und Frauen, Gläubigen und Ungläubigen), die Ungleichheit ist daher notwendige Konsequenz wie Voraussetzung eines solchen Rechts.

Auch anhand des Zinsverbotes, welcher verboten ist da er als jüdisch gilt, lässt sich erkennen, dass die islamische Ideologie hier deutliche Gemeinsamkeiten mit der nationalsozialistischen Ideologie aufweist. Trotz diesem Verbot existiert natürlich auch in der islamischen Welt ein Zins, der aber unter Decknamen wie ijarah fungiert. Islamisten und Nationalsozialisten sind sich also auch in der antisemitischen Forderung nach einer Abschaffung der „Zinsknechtschaft“ einig. Dieses Bedürfnis entspringt einer Unfähigkeit sich zu erklären, wie aus einem äquivalenten Tausch plötzlich und scheinbar wie von selbst am Ende mehr Wert herauskommt. Diese Unfähigkeit die Verwertung des Wertes zu begreifen führt dazu, dass man hinter dieser Wertverwertung Betrug, Verschwörung und in gewisser Weise auch Magie weiß, die jüdischen Machenschaften entspringen.

In islamischen Ländern steht die erdverbundene, landwirtschaftliche und kleinbäuerliche Ökonomie im Vordergrund, wie sie beispielsweise auch vom „Dritten Weg“ propagiert wird wenn sich Kameraden stolz auf Facebook bei der Pflaumenernte präsentieren. Doch im Gegensatz zu den islamischen Ländern war der Nationalsozialismus parallel zu dieser Kleinproduktion auch enorm effizient in der Massenproduktion. Den islamischen Ländern fehlt diese Massenproduktion wesentlich. Das Hauptaugenmerk liegt hier vielmehr auf der Verwaltung und Relativierung der Armut durch religiöse Ersatzkost. Das von Gott übergebene Vermögen solle doch bitte möglichst zu einer gerechten Armut führen. Hier findet auch die Anklage gegen die verachteten Ölscheichs seinen Ursprung, die allein dafür an den Pranger gestellt werden weil sie den gottgegebenen Reichtum nicht in den Dienst der Umma stellen. Gemeinnutz geht eben nicht nur bei den Nazis vor Eigennutz, sondern auch bei den Islamisten und bei den Linken. Frei nach einem alten nationalsozialistischem Motto bin Ich nichts und wahlweise mein Volk, die Umma oder meine Szene alles. Im Islam steht der Einzelne ganz im Dienste der Umma, von ihm wird völlige Hingabe und damit völlige Aufgabe seines Selbst verlangt und, wenn notwendig mit roher Gewalt eingefordert und geltend gemacht.

Im arabischen Raum wurde nach 1945 vor allem aus Deutschland der moderne eliminatorische Antisemitismus adaptiert. Das iranische Regime und djihadistische Gruppen , genannt seien hier vor allem wieder Hisbollah und Hamas, vollziehen regelmäßig die eine pathetische Projektion auf den jüdischen Staat, wenn sie mal mehr und mal weniger öffentlich den ,,jüdischen Drang zur Weltherrschaft“ anprangern, welcher wohl viel eher ihren eigenen Gelüsten entsprechen dürfte, da es eben radikal-islamische Gruppen sind, aktuell vor allem der IS, die offen ihren ,,Anspruch auf die Weltherrschaft“ artikulieren. Weiterhin sind es eben diese djihadistischen Gruppen und vor allem das iranische Regime in denen es möglich ist, den Antisemitismus offen und ohne Konsequenzen zu äußern. Was in Deutschland nach 1945 nicht mehr möglich war, wurde fortan im arabischen Raum fortgeführt, der Antisemitismus erlebte im Antizionismus quasi sein geopolitisches Comeback.

Stefan Grigat schrieb dazu: ,,Nachdem die Deutschen und ihre Hilfsvölker nicht nur bewiesen hatten, daß man einen wahnhaft-projektiven Antikapitalismus bis zum industriell betriebenen Massenmord steigern kann, sondern auch, daß man dafür selbst nach der totalen militärischen Niederlage keine ernsthaften Konsequenzen zu befürchten hat, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden, was für eine ungemeine Attraktivität eine derart pathologische, sowohl mörderische als auch selbstmörderische Krisenlösungsstrategie für antisemitische Massenbewegungen und Banden in anderen Weltreligionen haben mußte“10. Damit nimmt er einerseits Bezug darauf, dass in Deutschland nach 1945 statt einer Haftbarmachung eine Rehabilitierung und das Wirtschaftswunder einsetzten, und andererseits nimmt er Bezug darauf, dass diese deutsche ,,Krisenlösungsstrategie“, nämlich die Vernichtung der Juden als das raffende, das schlechte Kapital, auch in anderen Teilen der Welt ,,ungemeine Attraktivität“ genießt. Wenn man den Antisemitismus kritisiert, muss man sich vor Augen halten, dass die Kräfte und Potentiale die eine erneute negative Überwindung des Kapitalverhältnisses hin zu einer Barbarei heute zum Großteil in radikal-islamischen Strömungen vorhanden sind. Es muss erkannt werden, dass der radikale Islam eine Strömung ist, die sowohl antiaufklärerisch wie antiwestlich und antisemitisch ist.

Der Islamismus ist fest im Alltagsislam und seiner Tradition verwurzelt ist und totalisiert dieses als antagonistisches Modell zur bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft. Im Islamismus soll der Islam auf sein authentisches Fundament zurückgeführt werden. Die Gesellschaft soll rearchaisiert werden. Dies macht den Islamismus zu einer modernen Krisenlösungsstrategie die eine umfassende Sinnstiftung bereithält und global enorm erfolgreich und auf dem Vormarsch ist. Der Hass auf Israel und das Drängen des iranischen Regimes Israel zu Vernichten muss unbedingt wahr- und ernstgenommen werden und das wird er auch im Linken Kontext kaum. Die Fixierung der deutschen Linken richtet sich derzeit vielmehr darauf, die AfD entgegen aller Vernunft in geschichtsvergessender Manier zur neuen NSDAP zu verklären und gegen einen vermeintlichen Rechtsruck der Gesellschaft anzukämpfen in dem man reflexartig eine „Wiederholung der Geschichte“ erkannt hat, die man nun pathetisch abzuwehren sucht. Konsequenter Weise vergisst der Großteil der Linken dabei, dass die Geschichte, bezogen auf die Shoah, gerade im Begriff ist sich zu wiederholen und zwar durch das atomare Bestreben des iranischen Regims Israel und seine Bevölkerung zu vernichten. Nicht Nazis mit Stahlhelmen, nicht die AfD, sondern Mullahs mit Turban sind es die aktuell eine neue Shaoh einleiten könnten. Geschichte wiederholt sich eben nicht in deckungsgleicher Form, sondern stets den veränderten Bedingungen etc. pp. angepasst. So muss sich eine zweite Shoah nicht in einem erneuten Lagerkomplex vollziehen, sondern könnte sich vielmehr in einem atomaren Schlag gegen Israel ereignen.

Der Begriff der Islamophobie muss weiterhin stets kritisch betrachtet werden, dann es darf nicht hingenommen werden, dass eine Kritik des Islam die auf allgemeine Emanzipation abzielt unter Verwendung des Vorwurfes des Islamophobie von Seiten der Kulturrelativisten mundtod gemacht wird. Wer es wirklich ernst mit der Religionskritik und zudem mit der Integration hält, der muss den radikalen Islam und seine Auswüchse schonungslos auch bei Muslimen kritisieren. Muslime müssen als gleichwertige Kommunikationspartner angesehen und somit auch kritisiert werden, statt sie unter einen besonderen Schutz zu stellen, denn das wäre fatal, denn es gibt schlicht keine Ausrede und keine Entschuldigung für Antisemitismus.

Antizionismus

1945 war nicht nur der Krieg beendet, sondern auch die Verwirklichung des nationalen deutschen Projektes, die Vernichtung der Juden, war gescheitert. Doch der Antisemitismus verschwand nach 1945 nicht einfach, er suchte sich jedoch neue Artikulationsmöglichkeiten. Gezwungen durch die Zerschlagung der deutschen Volksgemeinschaft, in der der Antisemitismus öffentlich und völlig enthemmt ausgelebt werden konnte, verlagerte sich der Antisemitismus im postnazistischen Deutschland zunächst vom öffentlichen in den privaten Bereich. Doch es dauerte nicht lange, da kehrte er unter verschiedenen Deckmänteln in den öffentlichen Raum zurück. Man hatte in Deutschland zwar irgendwie gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist, verstanden hatte man ihn deshalb jedoch nicht. So ist es den meisten kein Widerspruch, sich gegen Antisemitismus auszusprechen und gleichzeitig antisemitischen Denk- und Handlungsmustern anzuhängen. Vorgetragen wird dies dann meist in der ,,vornehmsten deutschen Diskurseigenschaft“ (Wertmüller), in der ,,Israelkritik“. Jede Kritik an Israel, kann nur eine Kritik sein, die von der enormen Bedrohung des Antisemitismus abstrahiert. Der eliminatorische Antisemitismus wurde zum widerlichsten deutschen Exportprodukt, gegen das sich Israel im nahen Osten Tag für Tag zur Wehr setzen muss. Nicht nur Mörderbanden wie die Hamas und die Hisbollah stellen akute Bedrohungen für Israel dar, die größte existentielle Bedrohung für Israel ist derzeit die iranische Aggression und die atomaren Bestrebungen des iranischen Regimes. Hier bleiben die allermeisten, sonst so engagierten Friedensfreunde stumm, wenn der Iran zu einem ,,Holocaustleugner Wettbewerb“ aufruft, oder damit droht Israel atomar zu vernichten.

Im Antizionismus können erneut die pathetischen Projektionen, nun nicht mehr auf den Juden, sondern eben auf den Judenstaat, vollzogen werden. Zudem wird alles schlechte der Welt im jüdischen Staat verortet. Die häufigsten Anklagen die man von rechts, von links und auch aus der bürgerlichen Mitte hört sind: Staatlichkeit, Imperialismus und Besatzung, sowie Angriffskrieg.

Der Vorwurf der Staatlichkeit kommt in den allermeisten Fällen von Linken. Dem zugrunde liegt die Ansicht dass alle Staaten schlecht sind und abgeschafft gehören, da sie der Ursprung des Elends seien. Unbestritten ist der Staat grundsätzlich zu kritisieren, da er die bestehenden Verhältnisse aufrecht erhält, verwaltet und zu deren Manifestation beiträgt und eine materialistische Staatskritik ist auch weiterhin von Nöten, jedoch leben wir in einer Welt aus Staaten und derzeit bieten die staatliche Souveränität und die Vermittlungsinstanzen den wohl letzten Schutz vor der Willkür und der Brutalität des direkten Volkswillens. Sich dieser Realität zu entziehen und dogmatisch darauf zu beharren, dass alle Staaten schlecht sind und man sie daher alle ablehnt ist schlicht unsinnig und trägt im schlimmsten Fall dazu bei, dass man wohlwollend in Kauf nimmt, dass die Gesellschaft einen Rückschritt in die Barbarei macht. Der abstrakte Antinationalismus wird zudem im Antizionismus konkret und richtet die Anklage der Staatlichkeit nunmehr dezidiert gegen den jüdischen Staat. Das gerade dieser Staat als einziger solange bestehen muss, bis der Antisemitismus weltweit überwunden ist, wobei allein die Vorstellung davon unter den gegebenen Bedingungen einer regen Fantasie bedarf, wird dabei konsequent verleugnet. Selbstverständlich kann der Zionismus und sein Staatszweck, der Staat Israel, den Antisemitismus nicht überwinden oder abschaffen, jedoch bietet er eben gerade durch die staatliche Organisation einen zuverlässigen Schutz vor dem weltweiten unbedingten Vernichtungswillen der Antisemiten aller Länder. Nachdem den Juden über Jahrtausende eine herrschaftliche Unterstützung fehlte und sie stets auf das Wohlwollen der jeweils Herrschenden angewiesen waren, erkämpften sie sich nach der militärischen Beendigung des deutschen Projektes und des Nationalsozialismus, mit Unterstützung der Alliierten schließlich einen Staat, der ihnen fortan Schutz bieten konnte. Es war den Juden nun erstmals möglich relativ sicher zu leben.

Die Anklage des Imperialismus und der Besatzung kommt sowohl aus dem linken und dem bürgerlichen Lager, wie auch von rechts. Sehr oft bedient man sich in diesem Zusammenhang einer ,,Blut und Boden“ Argumentation und beharrt darauf, dass die Palästinenser als erste da waren und das Land deshalb ihnen gehöre. Dass das Land, welches später Israel wurde aber größtenteils unbesiedelt und in den Händen von Großgrundbesitzern gewesen ist, die meist in Syrien oder anderswo lebten und rechtmäßig von jüdischen Menschen gekauft wurde, findet folglich keine Erwähnung. Der Antisemitismus der Palästinenser wird damit erklärt, dass Israel ihr Land besetzt habe und das palästinensische Volk unterdrücken würde. Somit erfährt das alte antisemitische Argumentationsmuster, die Juden seien selbst schuld an dem Hass der ihnen entgegen schlägt, sein Comeback. Der Antisemitismus wird verklärt von der Ursache zum Resultat. Fakt ist jedoch, dass es in dem Land, dass heute Israel bzw. Palästina ist schon seit mehreren Jahrhunderten Antisemitismus gab.

Genannt sei hier vor allem der ehemalige Großmufti von Jerusalem, Amin al Husseini, der schon lange bevor es den Staat Israel gab antisemitische Pogrome gegen jüdische Siedlungen anzettelte. Zudem kooperierte der genannte Amin al Husseini mit Adolf Hitler und wurde zu dessen Berater in der ,,Endlösung der Judenfrage“. Es zeigt sich also, dass der Antisemitismus in dieser Region lange vor der Staatsgründung Israels fest verankert war. Nach dem zweiten Weltkrieg adaptierte man den modernen eliminatorischen Antisemitismus vor allem im arabischen Raum. Gruppen wie die Hamas sind bis heute darum bemüht, die deutsche Mission im Nahen Osten fortzuführen. Und die Hamas ist nicht etwa eine kleine Gruppe, die keine Zustimmung findet, sondern sie wurde mit über 50% der Stimmen der Palästinenser im Gazastreifen rechtmäßig gewählt. Seit jeher setzt die Hamas alles daran den antisemitischen Kampf fortzuführen, der schon lange vor ihrer Gründung begonnen wurde. Das die Bevölkerung, vor allem die die nicht konform gehen mit der Hamas, sehr darunter leidet ist unbestritten, doch Israel die Schuld an der wirtschaftlichen und politischen Misere zu geben ist schlicht eine Verleugnung der realen Gegebenheiten.

Seit Jahrzehnten werden in den Anklagen gegen Israel alte antisemitische Muster aufgegriffen und reproduziert, so ist es auch wenig verwunderlich, dass der Staat Israel bei Linken wie bei Rechten als ,,Kindermörder“ verschrien ist, eine ,,Anklage“ die man keinem anderen Staat, nicht einmal dem IS entgegen bringt. Der Kindermörder ist wie eh und je nur der Jude. Der internationalen Presse sind die Bilder von verwundeten oder toten Kindern im Gazastreifen gerade recht, um Israel einmal mehr an den Pranger zu stellen und so wird das Bild des jüdischen Kindermörders wieder und wieder reproduziert und verbreitet.

Der Vorwurf des Angriffskrieges rührt daher, dass man jegliches Vorgehen Israels verurteilt. Völlig gleich wie die Handlung aussieht, seien es militärische Schläge gegen die Hamas, sei es der Iron Dome, der dazu dient Raketen die israelische Zivilisten töten sollen abzufangen oder sei es eine Blockade um Waffenlieferungen an die Hamas zu unterbinden, alles ist falsch und furchtbar, solange es von Israel getan wird. Mit dieser Argumentation wird Israel jegliches Recht auf Selbstverteidigung abgesprochen. Auch hier wird die alte Angst der Antisemiten reproduziert, welche sich vor nichts auf der Welt mehr fürchten als vor einem wehrhaften jüdischen Staat. Die Hamas nutzt unterdessen die mediale Aufmerksamkeit, die stets zu ihren Gunsten berichtet und drängt bewusst immer wieder auf eine Eskalation des Konfliktes. Jeder getötete Palästinenser ist ein Sieg für die Hamas und auch jeder getötete Israeli. Die einen lassen sich propagandistisch ausschlachten, die anderen will man ohnehin tot sehen. Solange die Hamas im Gazastreifen aktiv ist und mit dem Ziel agiert, Israel von der Landkarte zu streichen und außerdem die eigene Bevölkerung unterdrückt die nicht konform mit ihnen geht, solange kann und darf es keinen Frieden geben.

Boykottgedanke

Der Boykottgedanke verleiht der antisemitischen Kapitalismuskritik einen praktischen Ausdruck. Ihm zugrunde liegt die falsche Annahme, es gäbe Konzerne etc. die ganz besonders kapitalistisch und schlecht seien und die man folglich boykottieren müsse. Man vollzieht die Projektion aber heute nicht mehr nur auf jüdische Unternehmen, sondern wettert allgemein gegen die Großkonzerne, die eine raffende Übermacht darstellen würden. Allein schon in dieser Annahme, es gäbe eine raffende Übermacht, die ganz besondere Schuld am elenden Zustand der Welt tragen würde findet ein zentrales Element des Antisemitismus, nämlich die Abspaltung der Krisenhaftigkeit des Kapitalismus auf einige wenige, als raffende Teile identifizierte Unternehmen oder Konzerne seine moderne Reinkarnation. Man wehrt sich vehement gegen die Einsicht, das die Akteure im Kapitalismus willkürlich austauschbar sind und das die Unterdrückung nicht durch einige wenige, sondern eben abstrakt vermittelt ist. Der Kapitalismus ist eine Form der subjektlosen Herrschaft, er bedarf schlicht keinen besonderen Akteuren die Macht ausüben. Aber es gibt neben den zahllosen Boykottaufrufen gegen Großkonzerne auch noch diese, die sich speziell gegen jüdische Unternehmen und Konzerne widmen. Vor allem in den letzten Jahren erhielt der Judenboykott durch die Organisation Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) einen enormen Aufschwung. Diese Organisation ruft explizit zum Boykott israelischer Konzerne, speziell derer in den Siedlungsgebieten auf. Das dadurch auch zahlreiche palästinensische Arbeiter ihren Job und damit ihr Einkommen verlieren (welches übrigens dem Einkommen der israelischen Arbeiter gleichgestellt ist) verlieren, dies tangiert die Organisation nicht. Schließlich hat sich der Antisemitismus gegen des Argument mangelnder Rentabilität seit jeher als immun erwiesen. Es ist alles in allem also weiterhin möglich offenkundig den als raffenden Teil identifizierten Antagonisten der Kapitalvergesellschaftung anzuprangern und alles Negative im Kapitalismus auf diesen abzuspalten. Weiterhin ist es auch immer noch möglich, öffentlich zum Boykott jüdischer Konzerne aufzurufen und sich, wie sollte es anders sein, dafür mit den ehrenwerten Federn des Humanismus zu schmücken.

Verschwörungsdenken als ein Element des Antisemitismus:

Eine Verschwörung wirkt dem Ohnmachtsgefühl des ,,kleinen Mannes“ entgegen, sie bietet ihm eine plausible und simple Erklärung für gesellschaftliche Missstände und dient gleichzeitig dazu ein Feindbild zu konstruieren gegen welches der Verfolgungstrieb ausgelebt werden kann. Lange Zeit waren Theorien von (jüdischen) Weltverschwörungen in die hinteren Ecken des Internets verschwunden doch mit den sogenannten ,,Montagsmahnwachen für den Frieden“, wie es sie 2014 in nahezu jeder größeren deutschen Stadt gab (auch in Saalfeld), erlebten derartige Verschwörungstheorien ihr Comeback. Plötzlich wurden Theorien von einer Elite die sich gegen die Völker der Welt verschworen hatte wieder salonfähig. Die Montagsmahnwachen verschafften den alten antisemitischen Theorien wieder eine öffentliche Plattform, auch wenn es vermieden wurde direkt von einer jüdischen Weltverschwörung zu reden, man bediente sich lieber anderen Bezeichnungen wie der einer ,,zionistischen Weltverschwörung“ oder der ,,NWO“. Egal welche Umschreibung aber gewählt wurde, sie alle zielten darauf ab, dass sich raffgierige Eliten, die nach der totalen Macht streben sich gegen den ,,kleinen Mann“ verschworen hatten. Auch hier lässt sich wieder die pathetische Projektion der eigenen Gelüste nachvollziehen. Die Selbsternannten Friedensfreunde projizierten ihre Gelüste in eine herbeihalluzinierte Elite, die sie dann ,,ans Kreuz nageln“ konnten.

Zusammenfassung:

Der Antisemitismus ist weitaus mehr als ein Vorurteil oder subjektive Dummheit, er ist vielmehr ein gesellschaftliches Verhältnis, welches die falsche gesellschaftliche Ordnung immer wieder aufs neue (re-)produziert. Ihm ist in seiner manifestierten Form weder durch Aufklärungsarbeit, noch durch Bildung, Begegnung oder Menschenrechte beizukommen. Der Antisemitismus kann nicht innerhalb der bestehenden Verhältnisse überwunden werden, da sie es sind die ihn hervorbringen, er kann ergo nur zusammen mit den Verhältnissen überwunden werden. Jedoch ist es keineswegs zwangsläufig so, dass ein Mensch in der bürgerlichen Gesellschaft sich alternativlos zum Antisemitismus wendet, es ist immer auch eine Entscheidung des jeweiligen Menschen selbst, für die er auch verantwortlich gemacht werden kann und muss.

Israel als Staat der Juden kann die Welt nicht vom Antisemitismus befreien, jedoch kann es all jenen auf die der antisemitische Vernichtungswille abzielt einen relativ zuverlässigen Schutz bieten. Diesen Schutzraum gilt es als Antifaschist mit aller höchster Priorität gegen seine Feinde, egal aus welchem politischen oder religiösen Lager sie auch kommen mögen, zu verteidigen, unabhängig davon welche Regierung gerade in Tel Aviv an der Macht ist. Der Antisemitismus hat sehr viele verschiedene Erscheinungsformen und wir haben in diesem Text auch bei Weitem nicht alle beleuchtet oder angesprochen, zudem hat er sich im Laufe der Zeit gewandelt und sich neue Räume gesucht sich zu artikulieren, jedoch verfolgt er, in welcher Gestalt er auch auftreten mag, stets das Ziel die deutsche Mission, die Vernichtung der Juden, mit welchen Mitteln und an welchem Ort auch immer, fortzuführen und zu vollenden. Es gilt also aus antifaschistischer Perspektive die Solidarität mit dem israelischen Staat bedingungslos immer wieder einzufordern und den Antisemitismus stets aufs Neue zu entlarven und zu kritisieren.

1Karl Marx, zweites Manuskript Seite 524, 1844

2Horkheimer, Max / Adorno, Theodor, W. – ,,Dialektik der Aufklärung“, Elemente des Antisemitismus – Grenzen der Aufklärung I, Seite 177, S. Fischer Verlag, 1988

3Horkheimer, Max / Adorno, Theodor, W. – ,,Dialektik der Aufklärung“ – Elemente des Antisemitismus – Grenzen der Aufklärung II, Seite 181, S. Fischer Verlag, 1988

4Horkheimer, Max / Adorno, Theodor, W. – ,,Dialektik der Aufklärung“ – Elemente des Antisemitismus- Genzen der Aufklärung IV, Seite 184ff, S. Fischer Verlag, 1988

5Ebd.

6Ebd.

7Ebd.

8Ebd., Genzen der Aufklärung V, Seite 194

9Vgl. Welt am Sonntag vom 03.10.2015

10Grigat, Stephan (Hg.) – ,,Postnazismus revisited“, ca ira Verlag, Freiburg 2012, Seite 27

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