Neonazis und die Mär der Islamkritik

„Thüringer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ unter diesem Motto laufen in letzter Zeit immer wieder nationalsozialistische und völkisch-reaktionäre Kader auf. Doch was genau unter dieser „Islamisierung“ zu verstehen ist lassen die selbsternannten Retter des Abendlandes offen stehen. Auch eine Kritik des Islam oder des Islamismus hört man von ihnen nicht. Viel mehr begnügen sie sich mit den immer gleichen Parolen. Sie beziehen sich auf die islamistischen Attentate der jüngsten Zeit, aber ohne diese einzuordnen oder zu begreifen, und antworten auf den Terror mit Ressentiments und Regression. Sie kaschieren ihre vehemente Begriffslosigkeit einfach mit lautstarkem Gebrüll a´la David Köckert.

Die Antwort auf den globalen islamischen Terror fällt also folglich reaktionär und stumpf aus. Man besinnt sich auf den Volksstaat, auf die Volksgemeinschaft die Schutz liefern soll vor der islamischen Bedrohung. Jede vermeintliche Lösung, die THÜGIDA anbietet, fällt hinter unsere jetzige Gesellschaft zurück, anzustreben wäre aber eine Lösung, die über unsere Gesellschaft hinaus geht, die etwas besseres im Auge hat als eine Volksgemeinschaft, die den Einzelnen in ein barbarisches Kollektiv bannt. Anzustreben ist viel mehr eine Gesellschaftsform in der Menschen sich frei und ohne Zwang bewegen und begegnen können. In der man Schwäche zeigen kann ohne zur Schwäche verdammt zu sein. Eine Gesellschaft freier Menschen, die zwar noch in weiter Ferne liegt, aber dennoch nicht aus den Augen verloren werden darf, wenn es darum geht über gesellschaftliche Alternativen nachzudenken.

Will man unter den gegebenen Verhältnissen aber etwas kritisieren oder intervenieren, muss man sich zunächst einmal einen Begriff von dem machen, was man bekämpfen möchte. Man muss eben nicht nur ein bisschen am Begriff des Islamismus herumhantieren, sondern ihn durchdringen. Das ist das, was Thügida nicht leisten kann, aber was wir versuchen wollen. Worin genau liegt also die Bedrohung die vom Islamismus und auch vom Alltagsislam ausgeht? Und wie kann man ihr begegnen?

Zunächst einmal muss man sagen, dass der Islamismus und der konservative Alltagsislam miteinander zusammenhängen, denn der Islamismus entsteht nicht in einem luftleeren Raum, sondern braucht einen Boden auf dem er gedeihen kann. Sätze wie „Das hat mit dem Islam nichts zutun“, die man reflexartig nach jedem Anschlag hören kann, gehen am Gegenstand vorbei, ja verleugnen ihn geradezu. Es ist schlicht unverantwortlich alles Bedrohliche auf den Islamismus abzuspalten, obwohl gleiche oder ähnliche Elemente auch im Alltagsislam zu finden sind. Der konservative Alltagsislam bietet viele Anknüpfungspunkte und Grundlagen für den politischen Islam. Es hilft auch nichts, die Sache schön zu reden indem man den moderaten Islam zum wahren Islam verkehrt, dies wäre schlicht Realitätsverleugnung, da der moderate oder säkulare Islam in islamischen Ländern marginal ist und dort vom konservativem Islam und vom Islamismus unterdrückt wird, wie an zahlreichen Beispielen von säkularen Bloggern beispielsweise aus dem Iran zu sehen ist. Man muss also erkennen, dass die Kräfte der Gegenaufklärung, jene also, die die Welt unter ihr barbarisches Kollektiv unterwerfen, ja die Welt geradezu in dieses hineinterrorisieren wollen, sich gegenwärtig, nicht nur aber vor allem, unter dem Banner des Islam versammeln.

Vergesellschaftung und Vergemeinschaftung

Weiterhin müssen, als Grundlage einer Kritik, die Unterschiede zwischen westlicher Vergesellschaftung und islamischer Vergemeinschaftung erkennen. Eine Gesellschaft kann sich erst vernünftig konzipieren wenn öffentliche und private Sphäre voneinander getrennt sind. Erst dann kann ein „gesellschaftlicher Raum im eigentlichem Sinne“ (Hannah Arendt) entstehen. Auf dieser Grundlage kann also erst darüber nachgedacht werden, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die über unsere bürgerliche hinausgeht und nicht hinter sie zurückfällt.In der islamischen Vergemeinschaftung aber sind öffentliche und private Sphäre nicht getrennt. Es existiert also noch nicht einmal eine Grundlage die zur Vergesellschaftung führen könnte. Der Einzelne ist ständig dem Zugriff des familiären oder religiösen Kollektivs ausgesetzt. Eine freie Entfaltung kann unter diesem Umständen nicht einmal gedacht werden. Denn was im Namen der Tradition und der Religion von den jungen Männern und Frauen in der islamischen Community verlangt wird ist nichts weniger als der völlige „Verzicht auf alles, was ein privates, unabhängiges Leben ohne ständige Kontrolle ausmacht“( 1 ). Ein „Recht auf Privatsphäre“ wie es Hannah Arendt in den 50er Jahren einforderte existiert bis heute in der islamischen Welt de facto nicht. Jeder Fehler, jede neue Erfahrung, jede Regung die die jungen Menschen, und hier vor allem die Mädchen, machen, sind tendenziell eine Schande für die ganze Sippe. Die Folge daraus ist, dass vor allem die jungen Mädchen unter Generalverdacht stehen und 24 Stunden überwacht werden. Die Religion, die Sittenwächter und die Traditionen sorgen also dafür, dass die jungen Menschen sich nicht ungezwungen annähern können, dass sie keine neuen, unkontrollierten Erfahrungen, also Erfahrungen überhaupt und im eigentlichen Sinne, machen können, da sie ständig fürchten müssen zur Schande für die ganze Sippe zu werden. Die jungen Erwachsenen haben also keine Chance zu erlernen wie ein Leben abseits von Sitte und Tradition, also ein Leben im westlichen Sinne, zu führen wäre. Die islamische Vergemeinschaftung kommt also einer brutalen Selbstdisziplinierung bis hin zur vollständigen Aufgabe seines Selbst gleich. Der durch Selbstaufgabe und Selbstdisziplinierung entstandene Selbsthass wird später schließlich in anderen Verfolgt und bekämpft. Der Islam produziert also den Islamismus zwangsläufig aus seiner Mitte heraus, auch ohne das jeder Moslem gleich Terrorist ist.Wenn man die Unterschiede also erkannt hat, die zwischen westlicher Vergesellschaftung und islamischer Vergemeinschaftung bestehen, kann man beginnen sich zu fragen, warum es zu Szenarien wie denen in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof und in vielen anderen Städten kommen konnte, warum derzeit nahezu jeder Terrorist Moslem ist, ohne aber, dass jeder Moslem Terrorist ist.

Aber derartige Analysen interessieren die Anhänger der THÜGIDA nicht. Sie erheben den Islam nicht zum Gegenstand einer Kritik, sondern zum Gegenstand einer Projektion, die letztendlich ihre eigenen verleugneten Sehnsüchte widerspiegelt. Der radikale Islam und die THÜGIDA stehen sich nämlich näher, als es auf den ersten Blick scheint.

Individualität vs. religiöser Zwang

Zuerst einmal muss damit Schluss gemacht werden, ständig vor Islamophobie zu warnen, die verdrängte Angst vor dem Islam, welche vernünftig begründet wäre, kehrt in der Angst vor „dem Rechtsruck“ wieder, den man als Ersatzobjekt vorschiebt. Um die Angst vor dem Islam zu überwinden wird er fetischisiert, man adelt ihn zu einer edlen Kultur, die im Gegensatz zur westlichen noch nicht so verkommen, und daher eine Reinform der Kultur überhaupt sei. Doch gerade Kinder und Jugendliche, die in Ländern aufwachsen, in denen jene „edle Kultur“ das Leben dominiert, erfahren täglich am eigenen Leib, welche zur Gleichförmigkeit zwingende Kultur der Islam ist. Individualität, freie Selbstentfaltung oder ungezwungene Liebe gelten als verwerflich und als sündhaft, die Kinder wachsen im Familienclan auf, um später selbst einen Clan im Sinne islamischer Tradition zu gründen. Aus der Totalität der Religion gibt es nahezu kein Entkommen, es gibt keinen Ort, an dem man ungestört und unbeobachtet im Jugendalter Zärtlichkeiten austauschen kann, selbst Blicke gelten schon als Sünde. Lust und Genuss, die Liebe am Leben werden in einem allumfassendem Todeskult erstickt. Aber auch Kinder und Jugendliche die in westlichen Gesellschaften in konservativ islamischen Familien aufwachsen bekommen die Intensität des religiösen Zwanges täglich zu spüren. Jeden Tag bietet sich ihnen eine Welt, die sie aber als Haram zu verwerfen haben. Sie sehen zum Beispiel in der Schulklasse wie ihre Mitschüler die ersten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht machen, wie sie anfängliche Zärtlichkeiten austauschen, Händchen halten usw. usf. Sie bekommen auch mit, wie andere Kinder und Jugendliche eine liebevolle Familie haben, wie Eltern sich um ihre Kinder kümmern und sie lieben, ohne Clanstruktur oder Sittenwächterei. Im Gegenzug für diesen ständigen Verzicht und die konstante Selbstdisziplinierung bietet die Religion grenzenlosen Stolz, doch der Hass auf die „Ungläubigen“ generiert sich trotzdem zwangsläufig, da sie das Leben führen, auf das auch die eigene Sehnsucht abzielt, und das, so sollte es zumindest sein, ohne sich dabei schlecht zu fühlen und ohne das ihre Handlungen sofort auf die Familie zurückgeführt werden.

Das Übel der Willkommenskultur

Die derzeitige Willkommenskultur und die Integrationspolitik sind auch nicht die Lösung des Problems, viel mehr tragen auch sie mit zu diesem bei. Statt einen Ausstieg aus der Religion von den Winkeonkeln und -Tanten der deutschen Willkommenskultur angeboten zu bekommen, werden sie auf die Religion und auf das religiöse Kollektiv zurückgeworfen. Hauptakteure der derzeitigen Integrationsbemühungen sind neben ehrenamtlichen Kulturrelativisten die Islamverbände, die die Neuankömmlinge unter ihre Fittiche nehmen, und sie direkt wieder ins Kollektiv bannen. An vielen Orten haben sich schon Parallelgesellschaften gebildet, in denen islamistische Traditionen fortgeführt werden. Vor allem für die (jungen) Frauen und Mädchen, die vor den Zumutungen in ihren Heimatländern geflohen sind, die wesentlich auf den Islam zurückzuführen sind, ist das verheerend. Sie haben kaum eine Chance aus dem Bann der Religion zu entkommen und sich als Subjekt in einer bürgerlichen Gesellschaft zu entfalten und zu begreifen. Die islamischen Communities, kümmern sich dann im Namen der Integration um die ihnen zugewiesenen. So ist es wenig verwunderlich, dass es seit langem auch in Deutschland zu Zwangsehen kommt. Eine wissenschaftliche Untersuchung im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erfasste „Insgesamt {…] 3.443 Personen im Jahr 2008 in insgesamt 830 Beratungsstellen […]; die Zahlen betreffen 60 % angedrohte und 40 % vollzogene Zwangsverheiratungen.“, weiterhin wurde angemerkt: „In Deutschland waren überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund im Alter zwischen 18 und 21 Jahren von Zwangsverheiratung bedroht und betroffen, in vielen Fällen hatten sie die deutsche Staatsangehörigkeit.“ (2) Die Welt schrieb dazu: „Jedes Jahr sind in Deutschland rund 3000 Mädchen von Zwangsverheiratung bedroht, schätzt das Bundesfamilienministerium. Aber das ist nur die Zahl der Mädchen, die den Weg zu den Beratungsstellen gefunden haben. Die Dunkelziffer ist hoch, und vor den großen Ferien häufen sich die Warnzeichen: Ein Großteil der Familien fährt im Sommer in das Land der Eltern, wo die Hochzeitszeremonie meist schon abgesprochen ist.“ (3)

Ein Ansatz zum Umgang mit dem Terror

Es sollte also nicht darum gehen, die Kultur und die Religion, die oft Zwang ist und Zwang bedeutet zu schützen und zu bewahren, sondern alles daran zu setzen den Einzelnen vor dem (erneuten) Zugriff durch das religiöse Kollektiv zu schützen. Doch um diesem Anspruch gerecht zu werden muss man zunächst erkennen, dass der Islam und die dazugehörigen Alltagspraktiken eben nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen sind. Des Weiteren müssen die Orte, an denen die Front des IS durch Europa verläuft, die islamischen Orte und Vororte nämlich, vom Staat zurückgewonnen werden. Vor allem muss die Präsenz der Exekutive als Institution die es veranlassen kann, dem Einzelnen Schutz zu gewähren, gestärkt werden, vor allem dort, wo ein islamischer Gegensouverän das Gewaltmonopol für sich beansprucht. Religion muss in jedem Fall Privatsache sein, wenn das nicht der Fall ist und Glaube und Recht nicht klar voneinander getrennt sind, dann muss mit den Mitteln der Kritik und den Mitteln des Rechtsstaates sanktionierend eingeschritten werden. Lebensfeindliche, antisemitische, frauenverachtende etc. pp. Einstellungen sind nicht durch Religion oder Kultur zu relativieren, sondern müssen bei Muslimen, wie bei allen anderen schonungslos kritisiert und bekämpft werden. Wer es also wirklich gut mit den Menschen meint, sollte Muslime als ebenbürtige Gesprächspartner betrachten, ihre Religion offen kritisieren und sie nicht als die „Anderen“ betrachten, die geschont werden müssen.

Das Fazit, welches sich ergibt ist also gleichermaßen gegen den radikalen und konservativen Islam, als auch gegen die THÜGIDA und ihre nationalsozialistischen Lösungsansätze einzutreten. Islamismus und Faschismus gleichermaßen zu bekämpfen ist die einzige Alternative zur Regression und das einzige Mittel um einen Rückfall der Gesellschaft entgegenzutreten.

Anmerkungen:

1 Pünjer, Sören: Nicht ohne meine Familie, Bahamas Nr. 73, Frühjahr 2016, Seite 53

2 http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Zwangsverheiratung-in-Deutschland-Anzahl-und-Analyse-von-Beratungsf_C3_A4llen,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

3 http://www.welt.de/politik/deutschland/article145056378/Tausende-Maedchen-jaehrlich-von-Zwangsheirat-bedroht.html

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