Thügida und sein Gegenprotest, ein Elend ohne Ende

„Kein Bock auf Wochenendnazis“ – eine Kritik der Anti-Thügida-Proteste in Rudolstadt.

Am 21. Mai 2016 fand in Rudolstadt ein Aufmarsch der neonazistischen Thügida-Bewegung (Thüringen gegen die Islamisierung des Abendlandes) statt. Diese ist vom Wortstamm her ein Ableger der Pegida-Bewegung, deren Inhalte und Antriebe schon oft und umfassend kritisiert wurden (hier möchten wir besonders den Text „Kultur statt Krankenkasse“ erwähnen, der von der Redaktion der Zeitschrift „Bahamas“ als Statement zu Pegida verfasst wurde. Link: Kultur statt Krankenkasse).

Thügida und Pegida

Doch ist Thügida nicht nur ein Ableger unter vielen, sondern bei genauerer Betrachtung inhaltlich auch anders aufgestellt als die restlichen -gida-Bewegungen. Während bei den herkömmlichen Pegida-Zügen im Mittelpunkt steht „den Volksstaat wieder zurückzugewinnen“1 und die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die goldene Ära des Postfaschismus der Bundesrepublik, in die formierte Gesellschaft im Sinne Erhards, die die Früchte der nationalsozialistischen Modernisierung genoss, ohne dafür die Kosten einer permanenten gesellschaftlichen Generalmobilmachung tragen zu müssen“2 artikuliert wird, ging es bei Thügida von vorne herein nicht um den positiven Bezug auf das postfaschistische Deutschland zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Auch ging es nicht primär darum, Sozialleistungen wieder von der Nationalität abhängig zu machen, und nicht etwa von der tatsächlichen Leistung. Bei den Aufmärschen der Thügidisten bezieht man sich viel mehr positiv auf eine Zeit vor dem Wirtschaftswunder, nicht aufs postnazistische Deutschland, sondern auf das nationalsozialistische. Die Aufmärsche wurden von Anfang an, schon als sie noch unter dem Namen Sügida (Südthüringen gegen die Islamisierung des Abendlandes) fungierten, von Neonazis organisiert, die auch öffentlich als solche auftraten (als Beispiel wäre hier Tommy Frenck zu nennen, der offen zugibt, dass er sich als Nationalsozialist sieht). Auch wurden die Aufmärsche von Verbänden wie der „Europäischen Aktion“ unterstützt, die als Dachverband von europäischen Holocaustleugnern fungiert. Seit Beginn der Thügida-Aufläufe trat regelmäßig Axel Schlimper (Gebietsleiter der Europäischen Aktion) als Redner auf, gab offen zu, dass er Rassist ist und rechtfertigte dies als absolut vernünftig, warnte vor dem „totalitären Bolschewismus“, hetzte gegen die AFD weil sie keine Neonazis sein wollen, sprach sich gegen PEGIDA aus und verteidigte sogar den Islam. Zudem erklärte er, dass „finstere, satanische Mächte“ das deutsche Volk ausrotten wollen (konkret bezog er sich auf Merkel, die laut seinen Angaben eine israelische Staatsbürgerschaft hat und das deutsche Volk im Auftrag „satanischer Mächte“ ausrotten soll) und das diese „Mächte“ eine „asiatisch-negroide Mischrasse“ heranzüchten.3

Antisemitismus als Quintessenz von Thügida

Der Antisemitismus war von Beginn an das Wesenselement der Thügida-Veranstaltungen. Anfangs bemühte man sich zwar noch, ihn ähnlich wie bei den anderen Pegida-Aufzügen zu kaschieren, und ließ den Antisemitismus nur beiläufig durchscheinen, mittlerweile ist er jedoch wesentlicher und zentraler Bestandteil jeder Thügida-Veranstaltung und wird völlig offen ausgelebt. So wurde auch in Rudolstadt am 21. Mai in einer Rede von Christian Alber (von staatenlos.info) unter anderem gesagt: „Da hat der Weltjudenkongress dem deutschen Volk den Krieg erklärt, und ich denke, dieser Krieg, der ist bis heute Realität und zwar auf alle Völker weltweit ausgeweitet“.4 Der Antisemitismus wird hier offen ausgesprochen, doch neben diesem offenem Antisemitismus wird selbiger ebenfalls oft als Antizionismus, regressive Kapitalismuskritik oder in Reden von der „amerikanischen Ostküste“ artikuliert. Die Thügida-Veranstaltungen sind alles in allem gesondert von den anderen Pegida-Ablegern zu kritisieren, da sie eine andere Grundlage haben. Es geht nicht primär um Volksstaat und die Oberhand im Sozialsystem, sondern um offenen Antisemitismus. Die Aussagen die auf den jeweiligen Veranstaltungen getroffen werden unterscheiden sich in Deutlichkeit und Intention von den Redeinhaltigen auf sonstigen -gida-Aufmärschen. Thügida ist also nicht in erster Linie rassistisch, sondern klar als antisemitisch zu kritisieren.

Das Elend der Gegenproteste

Und hier wären wir beim Thema, denn auf Gegenveranstaltungen wird dieser Antisemitismus weder thematisiert noch verstanden. Man frönt sich der Weltoffenheit und prangert vor allem den Rassismus der Thügidisten an. Dies ist auch eigentlich nicht weiter erwähnenswert, da die Anti-Pegida-Proteste ohnehin nur ein Teil der Misere sind die krampfhaft den Aufstand der Anständigen fortsetzen und sich als das bessere Deutschland inszenieren, das aus der Geschichte gelernt hat (als müsste man es erst lernen, dass es verwerflich ist Millionen Juden in Vernichtungslagern zu vergasen). Als wenn das nicht schon grotesk genug wäre, heißt die vermeintliche Lehre nicht etwa, sich auf den kategorischen Imperativ Adornos zu berufen und alles zu tun, damit „Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts ähnliches geschehe“ trägt man als Lehre aus der Geschichte (von Shoah spricht man in Deutschland in der Regeln ohnehin nicht) stattdessen vor, dass man gegen jeden Rassismus eintreten müsse und ergänzt diese Floskel selbstgefällig druch: „auch gegen den antijüdischen Rassismus“. Hier verleugnet man den eliminatorischen Charakter des Antisemitismus gänzlich und setzt ihn konsequenter Weise mit dem Rassismus gleich. Wenn dann auf Anti-Pegida-Protesten doch einmal auch dezidiert gegen Antisemitismus demonstriert wird (was nicht oft der Fall ist, und wenn dann rein formal) heißt das noch lange nicht, dass man den Antisemitismus auch verstanden hat, im Gegenteil, man hat lediglich gelernt, dass er schlecht ist ohne ihn annähernd zu begreifen. Also warum ist der Gegenprotest in Rudolstadt besonders zu kritisieren angesichts der ohnehin miserablen Verfassung der Gegenproteste?

Aus dreierlei Gründen. Der erste und wichtigste ist der besondere Charakter der Thügida-Bewegung selbst, die deutlich offener und klarer antisemitisch argumentiert und agiert als andere -gida-Bewegungen. Dieser Antisemitismus wird, wie erwähnt, bei den Gegenveranstaltungen im besten Falle pro forma, als eine Art von „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ verurteilt und in der Regel aber gar nicht erwähnt. Ohne hier die restlichen Anti-Pegida-Proteste in Schutz nehmen zu wollen, die vom Antisemitismus auch nicht das geringste verstehen (wollen), ist es doch bei den Anti-Thügida-Protesten umso deutlicher zu kritisieren. Aber statt sich mit Aussagen wie der oben zitierten von Christian Alber auseinanderzusetzen stürzt man sich lieber auf den Rassismus, welcher als Kernelement der Proteste kritisiert wird und beschwört gebetsmühlenartig das bunte, tolerante Deutschland, mit anderen Worten die demokratische Volksgemeinschaft als Gegenmodell zur rassistischen Volksgemeinschaft herbei. Dabei laufen alle Versuche der Differenzierung in neues und altes, in helles und dunkles Deutschland letztlich nur darauf hinaus, zu verdrängen, dass auch das helle Deutschland die Shoah und die Volkgemeinschaft in sich trägt und unmittelbar darauf aufgebaut ist.

Und selbst der Rassismus wird nicht als gesellschaftliches Verhältnis begriffen, dass die warenproduzierende bürgerliche Gesellschaft notwendiger Weise hervorbringt, sondern als Irrung von Einzelpersonen, als Form von Dummheit verkannt, der man mit Fakten, Menschenrechten und Bildung beikommen könne.

Kein Bock auf Wochenendnazis

Angekündigt war der Rudolstädter Aufstand der Anständigen, und das ist Punkt zwei unserer Kritik, mit dem Slogan „Kein Bock auf Wochenendnazis“, dem die Überzeugung zu Grunde liegt, dass alle Nazis (oder zumindest der Großteil) die in Rudolstadt aufmarschieren von außerhalb kämen (der Rudolstädter Bürgermeister belegte diese These auch nochmals, als er sagte, dass „Thügida ein importiertes Problem“ wäre) und Rudolstadt bunt sei. Schließlich wird ja dort auch einmal im Jahr ein Karneval der Kulturen gefeiert, der ein absolut exotisches Highlight darstellt, sowie viel ehrenamtliche Arbeit für Flüchtlinge geleistet, die man gern als Totschlagargument anführt. Man schöpft also auch noch diskursive Macht aus seinem ausgeübten Ehrenamt, mit dem man den Staat als Hilfssouverän durch die freundliche Übernahme staatlicher Aufgaben kurzerhand und wie selbstverständlich zur Seite gesprungen ist. Die Ignoranz gegenüber lokalen Nazistrukturen geht einher mit einem permanenten und penetrant vorgetragenen Selbstlob, sowie einer völlig grotesken Standortpolitik.

Das Motto wurde am Tag selbst schon ausreichend blamiert, als fast ausschließlich Neonazis aus der Region (vor allem auch aus Rudolstadt selbst) auf die Straße gingen, zur Musik von Stahlgewitter demonstrierten und den fanatischen Antisemiten am Mikrophon lauschten.5

Aber eine derartig irrationale, narzisstische Sichtweise wird sich auch im Nachhinein einer kritischen Reflexion entziehen und sich als faktenresistent erweisen.

Nazis ignorieren

Ein Protest in hörweite war von den Initiatoren der Gegendemonstration ausdrücklich nicht gewollt, und hier wären wir bei Punkt drei unserer Kritik, da man laut eigenen Angeben das Ziel verfolgte „Nazis zu ignorieren“. Warum man dies nun aber öffentlich mit einer Kundgebung praktizieren musste, erschließt sich einem nur sehr schwer. Der einzige halbwegs vernünftige Grund wäre, eigene Inhalte anzubringen bzw. die Inhalte der Nazis zu kritisieren (und Stoff der hätte verwendet werden können hätte es wirklich ausreichend gegeben). Doch dazu kam es auch nicht. Statt Inhalte anzubringen, statt einer Kritik oder einer Analyse klopfte man sich gegenseitig auf die Schulter und suhlte sich in der von vollkommener geistiger Stagnation strotzenden Gewissheit, Nazis sind dumm und man selbst habe aus der Geschichte gelernt und ist moralisch haushoch überlegen. Die demokratische Volksgemeinschaft, die an diesem Tag sicher auch wegen des – im negativen Sinne – herausragenden Aufrufes sehr klein blieb, lauschte inhaltsleeren Reden, die mit schönen Worten und gewählten Formulierungen kaschierten, dass sie inhaltlich eben nichts zum Thema beitragen können, da sie es nicht im geringsten Verstehen. Neonazis sind dumm, Punkt.

Doch hatte es bestimmt einen weiteren Grund, dass man an diesem Tag nicht Zuhause blieb, wie jeder andere Mensch der Nazis ignorieren möchte, sondern es öffentlich praktizieren musste, denn der Selbstwert, den die Teilnehmer aus der Veranstaltung schöpfen ist nur im Vergleich mit anderen zu generieren. Sowie der relative Wert einer Ware nur im Vergleich mit einer anderen Ware, die als Äquivalent dient ausgedrückt werden kann, so kann sich der Selbstwert des Subjektes nur im Vergleich zu anderen Subjekten ausrücken. Die anderen Subjekte, die hier gebraucht werden um Selbstwert zu generieren sind einerseits die Nazis und andererseits die „Leute die wegschauen“, also die, die an diesem Tag vernünftiger Weise zu Hause geblieben sind. Die Teilnehmer und Initiatoren des Protestes in Rudolstadt haben also zweierlei Subjekte zum Vergleich, über die sie sich moralisch wie intellektuell erheben und daraus folglich ihren Selbstwert generieren.

Ein einziges Elend

Fazit ist aus unserer Sicht also, dass es viele Gründe gibt, die Thügida-Bewegung aufs schärfste zu kritisieren und ihr mit den Mitteln der Kritik und den Mitteln des Rechtsstaates (denn viele Aussagen sind durchaus strafrechtlich belangbar) zu begegnen. Die Anti-Pegida oder Anti-Thügida-Proteste, ganz speziell solche in Rudolstadt, können diesem Anspruch jedoch keineswegs gerecht werden, da sie nicht die Ideologie kritisieren, sondern viel mehr selbst Ideologie produzieren und reproduzieren. Sie sind nicht die Lösung des Problems, sondern ein Teil dessen. Es gilt also aus einer antifaschistischen Perspektive beides, Thügida und den dazugehörigen Gegenprotest, umfassend zu kritisieren. Ein besonderer Schwerpunkt muss unserer Ansicht nach hierbei auf die Kritik des Antisemitismus der Thügida-Veranstaltungen, wie auch der Gegenproteste, die keinesfalls frei von Antisemitismus sind, diesen im Gegenteil sogar reproduzieren in Form von Antizionismus und regressiver Kapitalismuskritik, gelegt werden. Auch muss der Strategie der Vergangenheitsbewältigung, die auf Gegenprotesten praktiziert wird inhaltlich entgegnet werden.

Es gibt kein helles und kein dunkles Deutschland und auch keinen positiven Bezug auf das Volk, wie er bei Gegenprotesten erschreckend, aber nicht überraschend, häufig zu beobachten ist, denn, das „Volk ist kein Begriff, den die Nazis erst ruinieren mußten, sondern seit hundert Jahren schon die Lüge von der notwendigen schicksalhaften Verbundenheit der einzelnen im nationalen Zwangskollektiv – die Lüge also, welche die aufklärerische Idee der Menschheit und mit ihr das bis heute uneingelöste Versprechen der sozialistischen Revolution dementiert, den Verein freier Menschen.“6

1http://www.redaktion-bahamas.org/aktuell/20150103pegida.html, letzer Zugriff: 24.05.2016, 19:00 Uhr)

2Ebd.

3Die Aussagen beziehen sich konkret auf diese Reden von Axel Schlimper: https://www.youtube.com/watch?v=0f1AZYPOgCI, https://www.youtube.com/watch?v=gzQ8tqYwukM, er traf vergleichbare Aussagen aber auch bei anderen Veranstaltungen, letzter Zugriff am 24.05.2016 um 18.10 Uhr

4Die Rede ist hier nachzuverfolgen: https://www.youtube.com/watch?v=8TeHrENRqjY, letzter Zugriff am 24.05.2016 um 18.30 Uhr

6Zitat von Wolfgang Pohrt,http://www.zeit.de/1981/45/ein-volk-ein-reich-ein-frieden letzter Zugriff am 24.05.2016 um 19.30 Uhr

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