Redebeitrag zum 8. Mai

Die Wiedergutwerdung der Deutschen am 8. Mai

Am 8. Mai ist der Tag der Befreiung, das ist, ausgenommen von ein paar Hardlinern wie Mike Mohring oder der AfD, breiter politischer Konsens. Im ganzen Land gedenkt man der Befreiung vom 8. Mai 1945 ohne sich jedoch ins Gedächtnis zu rufen, wer oder was genau da eigentlich befreit wurde. Doch diese Frage braucht man sich ja glücklicherweise auch gar nicht mehr zu stellen, denn spätestens seit Richard von Weizsäcker vor 30 Jahren das aussprach, was heute Gegenstand solcher Befreiungsfeierlichkeiten werden sollte, war sie beantwortet. Demnach wurde nicht etwa die Welt von Deutschland befreit, sondern die Deutschen wurden vom Nationalsozialismus befreit. So paradox und grenzdebil das im ersten Moment auch klingen mag, so gut passt es ins Konzept Vergangenheitsbewältigung made in Germany. Der politische und moralische Mehrwehr, den man aus den Vernichtungslagern schlagen konnte, indem man sie zu ,,Bildungsanstalten“ (Eike Geisel) umdeutete, wurde sehr schnell erkannt und wird bis heute weiter ausgeschöpft. Man tut so, als sei es etwas, dass man erst einmal lernen müsste, dass es sich nicht gehört Millionen Juden in Vernichtungslagern zu vergasen, das die Ausrottung der Juden keine Krisenlösungsstrategie ist und, dass man die Welt nicht in einen Vernichtungskrieg zu stürzen hat, der seines gleichen in der Geschichte nicht fündig wird. Als wäre eben dies alles keine Selbstverständlichkeit, stehen die Deutschen heute an jedem 8. Mai parat um zu betonen, dass man seine Lektion gelernt habe. Man inszeniert sich als ,,Büßer“ (Geisel) und umso öfter und umso deutlicher man die Verbrechen der Nationalsozialisten, die ja stets auch die anderen waren, anprangert und ausspricht, desto größer wird das daraus zu schlagende moralische und ideelle Kapital. Vergleichbar mit einem veganem Peta-Aktivisten der in seiner Kindheit Frösche aus Spaß getötet hat – je entschlossener er das Vergangene betont und gleichsam verwirft, desto moralischer und vermeintlich reflektierter erscheint er selbst.

Doch ist es nicht damit getan, moralischen und politischen Mehrwert aus der Shoah zu schöpfen, man nutzt die neu gewonnene moralische Überlegenheit nun auch noch dazu, um vor allem an Israel herum zu nörgeln wie es sich gegen das widerlichste deutsche Exportprodukt, den eliminatorischen Antisemitismus, zu verteidigen hätte. So kann es in Deutschland schon mal vorkommen, dass ein ehemaliger Wehrmachtsoffizier wie Helmut Schmidt Israel Vorwürfe macht, dass es sich zu hart gegen Antisemitismus wehrt und dafür noch breite gesellschaftliche Anerkennung erntet.

Gegen all jene, die meinen, dass am 8. Mai 1945 die Deutschen von den Nationalsozialisten oder gar von ihrer mörderischen Ideologie befreit wurden gilt es immer wieder zu betonen, dass die Deutschen eben die Nationalsozialisten waren, von denen man die Welt befreien musste. Sie waren es, die die Welt in einen Vernichtungskrieg gestürzt hatten, sie waren es die die Juden als Gegenrasse identifizierten und auszurotten versuchten. Sie litten nicht unter dem Horror, nein sie waren seine Verursacher.

Last Days of April 08.05.2016

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