Kritik deutscher Gedenkpolitik

Nach der militärischen Niederschlagung Deutschlands durch die Alliierten war zwar die nationalsozialistische Diktatur zerstört, die nationalsozialistische Ideologie und mit ihr die deutsche Volksgemeinschaft, lebten jedoch weiter. Zwar installierten die Alliierten eine Demokratie, welche das Mordkollektiv zumindest zwangsdemokratisierte , welche jedoch hier und da, gemeint sind z.B. Freital, Hoyerswerda etc., sichtlich bröckelt und die widerliche Fratze des deutschen Wesens durchscheinen lässt. Eine Bestrafung Deutschlands für seine unsagbaren Verbrechen blieb faktisch aus. Statt einer Pleite gab es das Wirtschaftswunder, statt einer Haftbarmachung erfolgte eine Rehabilitierung. Die Deutschen erlebten, dass man sechs Millionen Juden vernichten konnte ohne das es jemanden ernsthaft zu interessieren schien. Die objektiv-gesellschaftlichen Verhältnisse, also die kapitalistische Produktionsweise, blieben bestehen und wurden weder beleuchtet noch ansatzweise reflektiert. Die deutsche Ideologie wurde, vor allem im nahen Osten adaptiert und der eliminatorische Antisemitismus ist zum Exportschlager Nummer eins geworden, made in Germany. Die deutsche Mission, sprich die Vernichtung der Juden, wurde und wird vor allem im arabischem Raum fortgeführt, siehe Hamas, Hisbollah und Iran. Die deutsche Volksgemeinschaft konstituierte sich jedoch nun anders und auch der Antisemitismus suchte und fand neue Artikulationsmöglichkeiten. Es kam zu verschiedenen Schuldabwehrmechanismen und Strategien, und es entstanden massenhaft Versuche, das Geschehene zu relativieren bzw. zu verdrängen. Auch die Form des Gedenkens wandelte sich von einem Verschweigen hin zu einem inflationärem Gedenken. Man baute das weltgrößte Holocaustmahnmal, auf das man absurder Weise sogar stolz ist, damit die Welt sehen konnte, wie vorbildlich man sich mit der eigenen Geschichte auseinandergesetzt hatte. Der Historiker Eberhard Jäckel sagte zum fünften Jahrestag der Einweihung des Mahnmals: ,,In anderen Ländern beneiden manche die Deutschen um dieses Denkmal. Wir können wieder aufrecht gehen, weil wir aufrichtig bewahren. Das ist der Sinn des Denkmals, und das feiern wir“. Beneiden? Feiern? Aber damit formulierte er explizit das, worauf es bei diesem Denkmal ankam. Die Deutschen hatten nicht den 6 Millionen ermordeten Juden ein Denkmal gebaut, sondern sich selbst, quasi als Lohn für die herausragende Aufarbeitung der Geschichte. Dank der ,,vorbildhaften“ Auseinandersetzung mit der Geschichte konnte man aus den Vernichtungslagern, die bis dato ein Klotz am Bein waren endlich Kapital ziehen, zumindest ideeles und moralisches, indem man sie kurzer Hand zu ,,Bildungsanstalten“ wie Eike Geisel es formulierte, umdeutete. Man hatte aus der Geschichte gelernt, da war und ist sich die neue Volksgemeinschaft von CDU bis hin zur außerparlamentarischen Linken sicher. Der deutsche Nationalismus konstatierte sich nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz indem die Gedenkpolitik zum Ideal stilisiert wurde und man von der eigenen Mittäterschaft, oder derer der Eltern, wusste oder besser gesagt: über die Vergangenheit bescheid wusste, denn von Mittäterschaft oder von einer Kollektivschuld der Deutschen war nie ernsthaft die Rede. Auschwitz war ,,ein Versehen“, ein ,,Ausrutscher“. Kann ja mal passieren. Die Verhältnisse, die Auschwitz als Konsequenz und eben nicht als Bruch mit der Geschichte oder als ,,Ausrutscher“ hervorbrachten blieben abermals unbeleuchtet. Doch nicht nur das, im neuen Deutschland in dem man aus der Geschichte ja soviel gelernt hatte fühlte man sich plötzlich wieder in der Position eine aktive Rolle in der internationalen Politik einzunehmen. Man machte nun anderen Staaten, vor allem Amerika und Israel Vorwürfe. Man versuchte Deutschland mit anderen Staaten auf eine Ebene zu stellen und zog so die Verbrechen Stalins, Francos und Mussolinis heran um zu beweisen, dass die Deutschen eben keine Sonderrolle hätten. Man versuchte den Massenmord zu relativieren und sprach, auch in linken Kreisen, plötzlich nur noch davon, dass Stalin schlimmer, mindestens aber genau so schlimm gewesen sei wie Hitler und die Deutschen. Das all diese Vergleiche keinem objektivem Maße standhalten können, störte niemanden so wirklich. Es gab nämlich wesentliche Unterschiede zwischen dem italienischen, dem spanischen, dem sowjetischen und dem deutschen Faschismus die die Sonderstellung Deutschlands eher bestärken statt sie aufzuheben, doch dazu mehr im Abschnitt: ,,Hitler und Stalin“. Worauf ich zunächst hinaus möchte ist, dass eben die deutsche Volksgemeinschaft noch immer fortbesteht, zwar konstituiert diese sich heute demokratisch und postmodernistisch ideologisch, trägt jedoch die Shoah, noch immer in sich. Insgeheim ist sich jeder bewusst, dass man in einem historisch derart vorbelastetem Staat, dem Rechtsnachfolger des dritten Reiches nämlich, wohl nie von so etwas wie Normalität sprechen kann. Doch die Sehnsucht danach ist ungebrochen. Deshalb laufen alle Bestrebungen darauf hinaus, als geläuterte Nation gerade in der Übernahme globaler Verantwortung seine „Normalität“ auch praktisch beweisen zu wollen. Dies erklärt die übermütige außenpolitische Agitation Deutschlands, welches längst wieder die Hegemonialmacht innerhalb der EU geworden ist, vor allem in der sogenannten ,,Flüchtlingskrise“. Die ganze Welt soll sehen, dass das deutsche Wesen heute durch eine unübertreffliche Friedensliebe bestimmt ist, an der die ganze Welt teilhaben können soll. Eben diese deutsche Friedensliebe wird für die demokratische Volksgemeinschaft zu einem Moment der Konsensstiftung. Dem friedliebenden Deutschen fällt als Reaktion auf internationale Konflikte nur der Ruf nach Frieden ein der stets mit der latenten Erinnerung einhergeht, das man selbst zweimal militärisch gestoppt werden musste. Deutschland hat uns eindrucksvoll gezeigt, dass es schlimmeres gibt als den Krieg und spätestens seit Auschwitz sollte jedem klar sein, dass manchmal ein Krieg der einzige Weg ist schlimmeres Leid zu verhindern bzw. zu beenden. Doch für die friedensverliebten Deutschen heißt ,,No War“ wir sind die guten. Wir haben aus der Geschichte gelernt, wir sind das weltoffene, tolerante, helle Deutschland. Doch alle Differenzierungen in gutes und schlechtes Deutschland dienen letztendlich nur der Verdrängung der Tatsache, dass auch das neue Deutschland direkt auf Shoah und Volksgemeinschaft aufgebaut ist und diese, durch das Fortbestehen der objektiv-gesellschaftlichen Voraussetzungen, die auch in der Friedensbwegung unbeleuchtet blieben, in sich trägt.

Primäres und Sekundäres postnarzistisches Bewusstsein:

Diese zwei Begriffe gehen zurück auf den Ideologiekritiker Gerhard Scheit, dieser unterschied bei allen Versuchen der Deutschen mit ihrer verbrecherischen Vergangenheit klarzukommen das primäre und das sekundäre postnarzistische Bewusstsein. Das Primärbewusstsein ist vor allem gekennzeichnet durch Relativierung, Verleugnung und Verdrängung und bestimmte besonders in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende den Umgang mit der Vergangenheit. Zwar werden die Verbrechen des Nationalsozialismus bejaht, die Verhältnisse die diese aber erst ermöglichten sollen jedoch vergessen gemacht und ins Dunkel gedrängt werden. Gegen Ende der 60er Jahre wurde dieses Primärbewusstsein größtenteils vom sekundären postnarzistischen Bewusstsein abgelöst, es existiert aber trotz allem, speziell in konservativen und reaktionären Kreisen, heute noch. Das Sekundärbewusstsein bildete sich bedingt durch die sozialen Kämpfe in den 1960er und 70er Jahren heraus. Auch hier werden die Verbrechen des Nationalsozialismus bejaht, man inszeniert sich dabei jedoch als ,,Büßer“ (Scheit), der vorgibt aus der Geschichte gelernt zu haben und es nun besser machen will. Das wäre auch alles gar nicht allzu schlimm, wenn mit dieser Transformation nicht ein Prozess einher gehen würde, der, wie schon erwähnt, aus den Vernichtungslagern ,,Bildungsanstalten“ (Geisel) macht. So wurde aus einem ,,Klotz am Bein“ ein Gut aus dem vor allem moralischen Kapital gewonnen werden kann, und das zur Rechtfertigung neuer taten dienlich ist. Man denke hier nur an den Jugoslawienkrieg den die rot-grüne Regierung unter Joschka Fischer führte, dieser brachte als Legitimation für den Militärschlag explizit ,,die Lehre aus Auschwitz“ an. Eben weil man ja so vorbildlich aus der eigenen Geschichte gelernt, und die richtigen Lehren aus ihr gezogen hatte, konnte man nun mit moralischer Erhabenheit Belgrad bombardieren.

Transformation des Antisemitismus nach 1945:

1945 war nicht nur der Krieg beendet, sondern auch die Verwirklichung des nationalen deutschen Projektes, die Vernichtung der Juden, war gescheitert. Doch der Antisemitismus verschwand nach 1945 nicht einfach, er suchte sich jedoch neue Artikulationsmöglichkeiten. Gezwungen durch die Zerschlagung der deutschen Volksgemeinschaft, in der der Antisemitismus öffentlich und völlig enthemmt ausgelebt werden konnte, verlagerte sich der Antisemitismus im postnazistischen Deutschland zunächst vom öffentlichen in den privaten Bereich. Doch es dauerte nicht lange, da kehrte der er unter verschiedenen Deckmänteln in den öffentlichen Raum zurück. Man hatte in Deutschland zwar irgendwie gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist, verstanden hatte man ihn deshalb jedoch nicht. So ist es den meisten kein Widerspruch, sich gegen Antisemitismus auszusprechen und gleichzeitig antisemitischen Denk- und Handlungsmustern anzuhängen. Vorgetragen wird dies dann meist in der ,,vornehmsten deutschen Diskurseigenschaft“ (Wertmüller), in der ,,Israelkritik“. Jede Kritik an Israel, kann nur eine Kritik sein, die von der enormen Bedrohung des Antisemitismus abstrahiert. Der eliminatorische Antisemitismus wurde zum widerlichsten deutschen Exportprodukt, gegen das sich Israel im nahen Osten Tag für Tag zur Wehr setzen muss. Nicht nur Mörderbanden wie die Hamas und die Hisbollah stellen akute Bedrohungen für Israel dar, die größte existentielle Bedrohung für Israel ist derzeit die iranische Aggression und die atomaren Bestrebungen des iranischen Regimes. Hier bleiben die allermeisten, sonst so Engagierten Friedensfreunde stumm, wenn der Iran zu einem ,,Holocaustleugner Wettbewerb“ aufruft, oder damit droht Israel atomar zu vernichten. Im Antizionismus erlebte der Antisemitismus sein geopolitisches Comeback, es können durch ihn erneut die pathetischen Projektionen, nun nicht mehr auf den Juden, sondern eben auf den Judenstaat, vollzogen werden. (siehe hier auch: ,,Antisemitismus – mehr als ein Vorurteil“ in dieser Broschüre). Aber nicht nur im Antizionismus, sondern vor allem auch in der regressiven Kapitalismuskritik erlebte der Antisemitismus sein Comeback. Die Verhältnisse, also die kapitalistische Vergesellschaftungs- und Produktionsweise wird nicht als abstraktes Verhältnis kritisiert, sondern die Kritik wird (Re-)personalisiert. Man sucht verantwortliche für die kapitalistische Krise und vollzieht die Projektion, je nach Situation auf die Bänker, die Eliten oder die Reichen ,,Bonzen“. Auch und vor allen in linken Kreisen ist dieses antisemitische Welterklärungsmuster, die Einteilung in ,,raffendes und schaffendes Kapital“, die Abspaltung der kapitalistischen Krise und die pathische Projektion auf eine ,,negative Autorität“ ganz hoch im Kurs.

Formen der Relativierung:

Der Ost-West Konflikt und die Europäisierung der Schuld

Der kalte Krieg kam den Deutschen aus zweierlei Gründen sehr gelegen. Der erste war, dass der emotionale und fanatische Antikommunismus weiterhin öffentlich und enthemmt ausgelebt werden konnte. Der zweite Grund war, dass man ein Thema hatte, über das man sich empören konnte und das viel Gesprächsstoff lieferte, so konnte man es geschickt vermeiden von der Vergangenheit, vor allem von der Shoah zu reden. Auch fand man in Deutschland eine weitere Methode, die zumindest dazu diente, dass man die Schuld an den unsagbaren Verbrechen nicht mehr allein zugeschrieben bekam. Diese Methode war die Europäisierung der Schuld, bei der zwar eingestanden wurde, dass Deutschland federführend bei der Vernichtung der Juden und bei der Kriegsführung gewesen sei, dieses Vorhaben, gemeint ist hier vor allem die Shoah, aber nicht ohne andere europäische Länder möglich gewesen wäre. So wurde die Schuld aufgeteilt und relativiert. Dass die Nationalsozialisten die Vernichtung der Juden auch ohne die, mehr oder weniger ausgeprägte Hilfe anderer Länder organisiert bekommen hätten, steht angesichts der akribischen Durchführung und der Priorität mit der diese betreiben wurde wohl außer Frage.

Stalin und Hitler:

Eine weitere Form der Relativierung, ist es Deutschland in eine Reihe mit anderen autoritären Regimen zu stellen. In erster Linie wird sich hier immer wieder auf Stalin bezogen. Nach allgemeiner deutscher Meinung habe Stalin mehr Menschen auf dem Gewissen als Hitler, besonders schlimm sei auch, das Stalin ,,seine eigenen Leute umgebracht hat“ wie man es von jedem beliebigen Deutschen hören kann. Außerdem sei Deutschland ja nicht das einzige faschistische Land in der Geschichte gewesen. Es gab da ja anscheinend noch Italien und Mussolini oder Spanien mit Franco und natürlich Stalin und die Sowjetunion. Was also begründet die deutsche Sonderrolle im Hinblick auf diese Argumente? Zunächst einmal lässt sich sagen, dass die gegenwärtige öffentlich-politisch etablierte Faschismuserklärung allein schon eine Verharmlosung des Faschismus ist, die zum Zentrum macht, was der Faschismus mit autoritären Regimen und Militärdiktaturen gemein hat, und nicht, was ihn als eigenständige Gesellschaftsform auszeichnet, nämlich die Vernichtungslager. Die faschistische Barbarei wird dann nicht als das begriffen, was sie war und ist, nämlich eine völlig andere, bis dato nicht dagewesene Gesellschaftsform, die nicht etwa in Gegnerschaft zum Kapitalismus erwächst, sondern als die Krisenform der kapitalistischen Grundordnung als Möglichkeit ihres Verfalls stets mitzubedenken ist. Die ,,Wahrheit des Faschismus“ (Bruhn) die erst Deutschland offenbarte, gemeint sind die Vernichtungslager, werden nicht zu einem Wesenselement sondern lediglich zu einer Randerscheinung stilisiert. Hat man eine derartige Faschismusdefinition wundert es kaum, dass Deutschland mit anderen autoritären Regimen auf eine Stufe fällt. Denn eben gerade die Vernichtungslager, eben gerade der Zustand der Barbarei begründet die deutsche Sonderstellung. Die Volksgemeinschaft, die Volks-und Rassenlehre und der Antisemitismus der das Wesenselement der Volksgemeinschaft war aus dem die Deutschen, und kein anderes Volk der Erde die Endlösung destillierten, das sind die Alleinstellungsmerkmale Deutschlands.

Um es etwas praktisch zu erklären: Bei Franco und Mussolini stand der Staat im Mittelpunkt, es wurde eine Ideologie des ,,starken Staates“ propagiert. Einen ausgeprägten Antisemitismus geschweige denn Vernichtungslager gab es weder bei Franco noch bei Mussolini. Die Repressionen richteten sich gegen politische Feinde und nicht gegen eine bestimmte ethnische Minderheit oder ein bestimmtes Volk. Aber Franco und Mussolini werden doch im Vergleich zu Stalin seltener als Relativierungen heran gezogen. Am häufigsten bedient man sich in relativierender Absicht an Stalin und der Sowjetunion. Zunächst einmal gilt es zu sagen, dass in der Sowjetunion ein sogenannter ,,Sowjetpatriotismus“ den spezifischen Nationalismus der einzelnen Länder ersetzen sollte. Dieser wurde den Menschen anerzogen und war somit im Gegensatz zum deutschen Nationalismus nicht ,,natürlich“ gewachsen. Die Repressionen richteten sich auch bei Stalin primär gegen politische Feinde und eben nicht gegen ein bestimmtes Volk etc. Doch auch hier liegt der wesentliche Unterschied in der Existenz der Vernichtungslager. In der Sowjetunion existierten bekanntermaßen die Gulags, welche aber keine Vernichtungslager waren, sondern Arbeitslager. Manch einer wird jetzt vielleicht sagen das die Bezeichnung irrelevant wäre und es faktisch doch das gleiche gewesen sei. All jenen die so etwas behaupten sei gesagt, dass die Arbeitslager im Gegensatz zu den Vernichtungslagern eben nicht Selbstzweck waren, es sich also nicht um eine Vernichtung um der Vernichtung willen ging. Das in den Gulags Millionen Menschen starben ist dabei unbestritten aber der Zweck der Gulags war nicht die Vernichtung, was sich auch in der Zahl der Menschen niederschlagt die in den Gulags starben und derer die in den Vernichtungslagern industriell vernichtet wurden. Um einmal konkret zu werden: In den Gulags und durch Verbannung starben in einem Zeitraum von 23 Jahren etwa 2,6 Millionen Menschen.1 In den Vernichtungslagern wurden innerhalb von dreieinhalb Jahren 6 Millionen Menschen vernichtet. Der Unterschied wird also nicht nur in der Theorie sondern auch anhand von konkreten Zahlen deutlich und begründet einmal mehr die deutsche Sonderstellung.

Täter-Opfer-Umkehr im Bezug zum 8. Mai:

Am 8. Mai 1945 kapitulierte Nazideutschland bedingungslos. Damit war nicht nur der Krieg zu Ende, sondern auch der mit dem deutschen Reich einhergehende Horror in den Deutschland die Welt gestürzt hat. Es war das Ende einer systematischen Vernichtung von Menschen, das Ende der Shoah. Der Nationalsozialismus lebte durch die Volksgemeinschaft und wurde von dieser getragen. Nahezu alle Deutschen trugen ihren Teil dazu bei, dass die Todesfabrik reibungslos funktionierte. Viele waren euphorisch und begeistert von den Ideen der Nazis und jubelten mit, andere schauten schlicht weg oder fanden sich mit den Bestrebungen der Nationalsozialisten ab und arrangierten sich mit ihnen. Der Antisemitismus war kein gut gehütetes Staatsgeheimnis, im Gegenteil, er war das, was die Volksgemeinschaft erst zusammenfügte und zusammenhielt. Im völkischen Kollektiv war der Klassenantagonismus faktisch abgeschafft, alle, ob Bauer oder Fabrikbesitzer, hatten ein gemeinsames Feindbild, welches sie für die zerstörerische Dynamik des Kapitalismus verantwortlich machten. Der Antisemitismus war öffentlich und konnte ungehemmt ausgelebt werden. Alle Deutschen sahen, wie Synagogen brannten, oder waren gar verantwortlich dafür, sie alle haben Tag für Tag gehört, wie zur Ausrottung des Judentums aufgerufen wurde. Nahezu ganz Deutschland war beflügelt von der Stärke und Überlegenheit des völkischen Kollektivs. Daher sahen die meisten Deutschen die Alliierten auch nicht als Befreier an sondern als Feinde, die ihr Land besetzten und ihre Illusionen und Ziele zerstörten. Von Trauer war im postnazistischen Deutschland nur etwas zu vernehmen, wenn es darum ging sich selbst zu betrauern, um die tatsächlichen Opfer der nationalsozialistischen Barbarei wurden dabei nicht im entferntesten beweint. Vielmehr verliehen die Deutschen durch ihre Selbststilisierung als Opferkollektiv ihrer narzisstischen Kränkung über die militärische Niederlage Deutschlands Ausdruck. Die vermeintliche Opferrolle der Deutschen wurde zum volksgemeinschaftlichen Mythos hochstilisiert. Begründet lag dieser Mythos auf zweierlei Grundlagen.

Die erste Grundlage, auf der sich die Deutschen als Opfer inszenierten und immer noch inszenieren, ist die Stilisierung Hitlers als ,,Ich-Ideal“ (Mitscherlich), dies meint die Identifizierung der Hitleranhänger mit dem Führer, dem es nach der Machtübernahme durch die NSDAP gelang, die kollektive Erlösungssehnsucht in seiner Person zu vereinen, die Deutschen fanden ihr ,,Über-Ich“ (Freud) in Adolf Hitler. Nach dem Selbstmord Hitlers und der militärischen Niederlage Nazideutschlands wurde die Stilisierung Hitlers als ,,Ich-Ideal“, so konnte man die Schuld auf eine kleine ,,Elite“ projizieren und den Mythos bestärken, der ,,kleine Mann“ habe ja von nichts gewusst.

Die zweite Grundlage bilden die alliierten Bombardements gegen Ende des zweiten Weltkrieges, welche ohne Frage nötig waren, den unbedingten Willen der Deutschen zu brechen, bis aufs Letzte für Volk und Vaterland, aber vor allem für die Vernichtung der Juden weiter zu kämpfen. Die Deutschen, die nur wenige Jahre vorher noch nach dem totalen Krieg verlangten fühlten sich plötzlich als Opfer von ,,terroristischen Bombardements“, als der Krieg deutschen Boden erreichte. Die alliierten Bombardemants waren weder sinnlos, noch ein Kriegsverbrechen, sondern notwendig um Nazideutschland endlich in die Knie zu zwingen und den bürokratisch organisierten Massenmord an den Juden zu beenden.

Die deutschen ,,Opfer“, vor allem die der alliierten Bombardements, werden in nivellierender und geschichtsrevisionistischer Absicht mit den wahren Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungskrieges, den Juden, den Sinti und Roma, den Kommunisten, den alliierten Soldaten, den Homosexuellen, den Behinderten….. in einer Reihe genannt, die Grenzen zwischen Tätern und Opfer verschwinden und so muss man sich nicht eingestehen, dass die Deutschen, die bei den Bombenangriffen starben erst den Grund für die Bombardements lieferten, indem sie die Welt in einen Vernichtungskrieg stürzten, der seines Gleichen in der Geschichte nicht annähernd fündig wird. Sie, gemeint sind die Deutsche, waren keine Opfer, sie waren die Täter. Es waren nicht wenige Verbrecher die die Judenvernichtung mit aller höchster Priorität, und einer Vernichtungskrieg mit unvorstellbarem Ausmaß führten, sondern die deutsche Volksgemeinschaft als Täterkollektiv. So wurden die Deutschen (bis auf ganz wenige Ausnahmen, gemeint sind die wenigen Antifaschisten die Widerstand leisteten) auch nicht von den Alliierten befreit, sondern von ihnen besiegt.

Die Nazis bilden in dieser Gedenkpolitik nicht etwa eine Ausnahme, wie gern von den bürgerlichen Kräften und auch von einigen Linken gern behauptet wird, sondern knüpfen direkt an die Inhalte des bürgerlichen Scheingedenkens an. Denn inhaltlich zielt die deutsche Gedenkpolitik darauf ab, den Unterschied zwischen Tätern und Opfern zu verwischen, die Ursachen und Wirkungen des eliminatorischen Antisemitismus zu verleugnen, die gesellschaftlichen Bedingungen die nach Auschwitz führten im Dunkel zu lassen und nicht zu beleuchten oder zu hinterfragen und die Shaoh als abgegolten herauszustellen. In der Konsequenz zielt dieses Gedenken also darauf ab, sich mit Deutschland zu versöhnen, es dient dazu einen neuen deutschen Nationalismus zu konzipieren und die Verbrechen der Nationalsozialisten in die deutsche Geschichtsschreibung zu integrieren, sie zu einem Vorfall zu machen, aus dem Deutschland letzten Endes (moralisch) gestärkt hervorgegangen ist.

Also gar kein Gedenken?

Nein, ein Gedenken ist durchaus sinnvoll und auch notwendig, jedoch muss Gedenkpolitik darauf abzielen die Shaoh als unabgegolten und unabgeltbar herauszustellen. Antifaschistische Gedenkpolitik muss das Nachleben des Nationalsozialismus thematisieren und folglich den Bruch mit Deutschland und seiner Ideologie befördern. Gerade weil die Gesellschaft nach Auschwitz keine grundlegend andere geworden ist, und die Möglichkeit einer Wiederholung, wenn auch nicht zwingend in Form eines erneuten Lagerkomplexes, fortbesteht. Der kategorische Imperativ Adornos2 muss in die Gedenkpolitik einbezogen, gar zu ihrem Wesenselement werden, es muss versucht werden den Antisemitismus in seinem Wandel zu verstehen, es muss erklärt werden, warum Adorno dezidiert auch vor ,,ähnliche[m]“ warnt, denn der Antisemitismus suchte und fand in seinem Ziel, die Juden zu Vernichten, stets neue Wege (aktuell vor allem im Atomprogramm des iranischen Regimes, welches dazu ein noch effektiveres Mittel wäre als ein erneuter Lagerkomplex). Doch hat auch die offizielle Gedenkpolitik sicherlich auch Vorteile, denn wenn die Gedenkpolitik und mit ihr die Gedenkstätten zu einem Symbol des neuen Deutschland werden, so sind antisemitische Schändungen, die immer noch sehr häufig vorkommen, auch ein Problem für eben dieses ,,bessere Deutschland“. So trägt das offizielle Gedenken trotz aller Widersprüche auch dazu bei, dass der offene Antisemitismus thematisiert wird.

Fazit:

Die deutsche Gedenkpolitik zielt im Wesentlichen nicht auf eine wirkliche Aufarbeitung der Geschichte ab, sondern bildet das Fundament eines neuen deutschen Selbstbewusstsein, das sich nicht trotz sondern gerade wegen Auschwitz entwickelte. Die Form des Gedenkens hat sich über die Jahre gewandelt, von einem Verschweigen hin zu einem inflationärem ,,Aufarbeiten“. Die Geschichte Deutschlands wird heute in den allermeisten Fällen nicht verleugnet, sondern als Teil eines neuen Deutschlands, dass aus der Geschichte gelernt hat, aufgefasst. Auch der Antisemitismus wandelte sich mit der Gedenkpolitik, heute verweist der offene Antizionismus auf eben diesen deutschen Nationalismus, der sich in der ,,Aufarbeitung der Geschichte“ neu entdeckte. Die Gedenkpolitik birgt etliche Formen der Schuldabwehr bzw. -relativierung bis hin zur Holocaustleugnung oder -verharmlosung, wobei vor allem die Leugnung des Holocaust heute strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht und politisch eher marginal auftritt, ist die Schuldabwehr bzw. -relativierung fester Bestandteil von offiziellen Gedenkveranstaltungen.

Inhaltlich ist der deutschen Gedenkpolitik also bei jedem Versuch die Shoah als bewältigt, oder als vergangen darzustellen oder ihr die Singularität zu nehmen, indem man sie in einen Gedenkkontext mit anderen Verbrechen welcher Art auch immer stellt, entgegenzutreten. Zudem gilt es jeglichen Schuldabwehr bzw. -relativierungsversuchen der Deutschen entschieden zu widersprechen. Antifaschistische Gedenkpolitik zielt also nicht auf eine ,,Versöhnung über den Gräbern“3 oder eine Versöhnung mit Deutschland ab, im Gegenteil, eine wirklich antifaschistische Gedenkpolitik ist antideutsch, sie beleuchtet sowohl den Kontext des Nationalsozialismus und benennt die Täter der nationalsozialistischen Barbarei als solche und gedenkt ihnen nicht als Opfer. Zudem ist es Aufgabe antifaschistischer Gedenkpolitik die Verhältnisse, sprich die kapitalistische Gesellschaft und die Möglichkeit ihres krisenhaften Verfalls zur faschistischen Barbarei stets zum Gegenstand kritischer Reflexion auch der eigenen Theorie und Praxis zu machen. Die Deutschen mögen ihren Frieden mit der Geschichte gemacht haben indem sie Auschwitz durch ein inhaltsloses Gedenken de facto vergessen machen wollen, diesen falschen Frieden gilt es auch weiterhin zu stören.

1Die Opferzahlen orientieren sich an den Publikatioen der ,,Geo Epoche“, Ausgabe 38, „Stalin: 1917-1953 – Der Tyrann und das Sowjetreich“. Hier wird auf Seite 164ff von zwei Millionen Toten in den Gulags, 300.000 umgekommenen deportierten Kulaken und 681.692 im Zuge des Großen Terrors Hingerichteten gesprochen

2,,Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts ähnliches geschehe“ – Adorno, Theodor W., Negative Dialektik, Erstveröffentlichung 1966, Seite 358

3Helmut Kohl sprach bei einer Gedenkfeier für die Opfer der Schlacht von Verdun (siehe: ,,Der erste Weltkrieg“ in dieser Broschüre) von einer ,,Versöhnung über den Gräbern“. Diese Redewendung wurde vielmals auch im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Opfer der Shoah, z.B.: von Christine Lieberknecht aufgegriffen und reproduziert.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s