Unser Redebeitrag auf der Demonstration in Saalfeld Gorndorf vom 29.04.2016

Die Demonstration heute steht unter dem Motto: ,,Time to Act, Solidarität mit den
Betroffenen rechter Gewalt“ und ist auch leider bitter nötig um öffentlich darauf
aufmerksam zu machen, dass sich die Übergriffe von Neonazis, auf Menschen die nicht in
ihr Weltbild passen, stark häuften und auch immer noch andauern. In den letzten Tagen,
Wochen und Monaten kam es zu zahlreichen Angriffen auf alternative Jugendliche, und
andere Menschen, die den Nazis ein Dorn im Auge sind, und selbst wenn die Betroffenen
den Mut finden, damit in die Öffentlichkeit zu gehen, ernten sie in den allermeisten Fällen
keine wirkliche Hilfe, geschweige den Verständnis und bleiben am Ende doch allein. Es
bleibt ihnen nur die zermürbende Gewissheit, dass die Täter frei sind und jederzeit wieder
zuschlagen könnten.

Im öffentlichen Raum ist das Thema, obwohl die Taten meist in jenem Raum geschehen,
nahezu nicht präsent. Zeitungen berichten lediglich von ,,Jugendlichen Randalierern“ und
auch in Polizeiberichten ist von politischer Motivation in den aller meisten Fällen keine
Rede. Neonazismus wird nicht begriffen und die Ideologie, die sich hinter den jeweiligen
Taten verbirgt, bleibt wohlwollend unbeleuchtet. Man setzt sich zwar zweckbedingt mit den
konkreten Taten auseinander, aber mit der Ideologie beschäftigt man sich dann doch lieber
nicht. Stattdessen bedient man sich irgendwelcher hohler Phrasen, um die Betroffenen
abzuwigeln und um seine Unwissenheit und seine inkompetenzbedingte Sprachlosigkeit in
heroischem, meist belehrendem Ton zu kaschieren. In Wahrheit haben die meisten, die den
Betroffenen rechter Gewalt unverhohlen Phrasen wie ,,das ist alles nicht so schlimm“,
oder ,,das wird schon nicht noch einmal passieren“ entgegen bringen, nicht den Hauch einer Ahnung davon, von welch skrupellosen, wahnhaft ideologischen Subjekten die Opfer
heimgesucht wurden. Sie verstehen nichts von der Ideologie der Nazis, sie verstümmeln und verharmlosen sie konsequent, bishin zu ihrer Verleugnung. In manchen Fällen besitzen die selbsternannten Helfer, und hier meine ich bei Weitem nicht nur die Polizei, auch noch die Dreistigkeit, die Schuld bei dem Opfer selbst zu verorten. Aussagen wie: ,,Wer so rumläuft, muss sich nicht wundern“ oder ,,Wer sich öffentlich so äußert muss eben damit rechnen“ vollziehen die Täter-Opfer-Umkehr, dämonisieren die Individualität und verhöhnen das Opfer gleichermaßen.

Man rühmt sich in Deutschland zwar stets damit, aus der Vergangenheit irgendetwas gelernt zu haben, und wünscht sich nichts sehnlicher als endlich einen Schlussstrich zu ziehen, beweist jedoch stets aufs Neue, dass man nicht einmal fähig ist zu verstehen, was diese ,,Vergangenheit“ eigentlich war. In den 90er Jahren war der Stadtteil Gorndorf für
alternative Jugendliche eine ,,No-Go-Area“. Hier fanden immer wieder Treffen der
sogenannten ,,Anti-Antifa Ostthüringen“, aus der später der ,,Thüringer Heimatschutz“
hervorging, statt, an denen sich auch regelmäßig die späteren NSU Mitglieder beteiligten.
Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren des Öfteren zu Gast in Gorndorf.
Zum Beispiel nahm das komplette NSU-Trio am 11.10.1995 an dem wöchentlichen Treffen
der ,,Anti-Antifa Ostthüringen“ in Gorndorf teil. Am 26.06., sowie am 26.09.1996 nahmen
Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erneut an einem Treffen der ,,Anti-Antifa Ostthüringen“
in Gorndorf teil. Bei diesen Treffen planten sie mit Gleichgesinnten ihre Aktionen, die kurze
Zeit später in tätliche Übergriffe mündeten. Und es war keinesfalls zufällig, dass sich eine
derartige Organisation ausgerechnet in Gorndorf traf.

Die extrem rechte Organisation gedieh vielmehr in der Ignoranz der Zivilgesellschaft und der Behörden. Von einem ,,Naziproblem“ wollte man in den 90er Jahren in und um Saalfeld nichts wissen. Die Behörden verharmlosten und relativierten die neonazistische Gewalt indem sie von ,,rivalisierendenJugendgruppen“ berichteten, die nicht ideologisch motiviert handeln würden. Auch der Verfassungsschutz teilte diese Ansicht. 1 Dieses Bild von ,,rivalisierenden Jugendgruppen“ spiegelt eine Ignoranz gegenüber der mörderischen Ideologie, die den Taten zugrunde lag, wider und wird heute erneut propagiert als wäre nichts geschehen. Ob es nun eine Zivilgesellschaft war, die Neonazis schweigend akzeptierte, wegschaute oder klatschte, wenn es zu rechten Übergriffen kam, ob es ,,besorgte Bürger“ waren die in Kumpanei mit den Nazis traten, oder ob es Behörden waren die die Taten der Neonazis verharmlosten, sie alle trugen zu einem Erstarken der extremen Rechten in den 90er Jahren bei. Und nein, wir sind heute nicht da wo wir in den 90ern waren, aber es sind deutliche Parallelen zu erkennen. Auch heute werden die Taten relativiert, es ist immer noch und immer wieder die Rede von rivalisierenden Jugendgruppen oder jugendlichen Randalierern und eben nicht von Neonazis. Das vor kurzem erneut die ,,Anti-Antifa Ostthüringen“ ins Leben gerufen wurde, hat weder bei den Behörden, noch in der Zivilgesellschaft zu einem besonderen Aufsehen geführt. Die Mehrheit der Menschen schaut immer noch weg, oder sympathisiert gar mit den Nazis, wenn diese Menschen bedrohen oder attackieren, die Öffentlichkeit nimmt das Problem entweder nicht wahr, oder trägt zur Relativierung bei. Die meisten Leute kümmert es schlicht nicht, dass Nazis Menschen bedrohen und körperlich angreifen, sie suhlen sich in der infantilen Gewissheit, dass sie damit nichts zu tun hätten, und wägen sich in der völlig grotesken Behauptung, dass die Opfer selbst schuld sein, und das einem nichts passieren würde, wenn man sich still und unauffällig verhält. Es sind die selben, die im nächsten Atemzug meinen, aus der Geschichte gelernt zu haben und nach einem Schlussstrich betteln. Denn wenn es darum geht, moralisches Kapital aus der Geschichte zu schlagen ist man gern dabei, geht es jedoch darum, die Vergangenheit als Gegenstand einer Reflexion zu erheben, aus der Konsequenzen für die Gegenwart abgeleitet werden, dann wird völlig entgeistert nach einem Schlussstrich geschrien.

Diese Doppelmoral gepaart mit der Unfähigkeit und dem vehementen Unwillen Verantwortung zu übernehmen bilden die Basis, auf der die Nazis ihre Kameraden rekrutieren und öffentlich Menschen attackieren können. Die Opfer der neonazistischen Gewalt werden allein gelassen, während die Täter oft noch gesellschaftliche Anerkennung ernten als jene die wenigstens noch etwas machen gegen die verhasste Vermittlung, gegen das verhasste Unrecht, von dem man jedoch nicht einmal einen bestimmten Begriff hat.
Wir stehen heute hier um all jene aufzufordern hinzusehen und einzugreifen die nicht mit
den Nazis sympathisieren. Wir sind hier, um ein Appell an die Akteure der Zivilgesellschaft
zu richten, die sich leider allzu oft der gefühlten Ohnmacht oder der Angst ergeben und auch um ein Appell an die Behörden und die Polizei zu formulieren, rechte Straftaten nicht zu relativieren, sondern den ideologischen Kontext zu begreifen, zu benennen und zu
berücksichtigen. Es kann viel getan werden um rechte Strukturen zu schwächen und
Übergriffe in Zukunft zu verhindern, doch es braucht überall Menschen die es anpacken und es ist hoffentlich auch im Sinne der Behörden und der Polizei, der Etablierung einer
erneuten ,,No-Go-Area“ für alternative Jugendliche, die sich objektiv derzeit anbahnt,
entgegen zu wirken. Denn es ist ihre Aufgabe und auch unser unbedingtes Interesse die
physische wie körperliche Unversehrtheit eines jeden Menschen zu gewährleisten. Bisher
sind noch wenige betroffen, doch die Drohung richtet sich auch jetzt schon gegen all jene,
die die Ideologie der Nazis nicht vertreten oder tolerieren.

Gegen hohle Phrasen, Verharmlosung und Relativierung, für eine wahre Solidarität und
einen wertschätzenden Umgang mit den Opfer von Nazigewalt!

1
Thüringer Innenministerium (1997): Verfassungsschutzbericht 1996, Erfurt: o.V., S. 15.

Last Days of April, 28.04.2016

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s