Redebeiträge der Kundgebung vom 09.04.2016

Redebeitrag 1: Kritik des offiziellen städtischen Gedenkens

Heute vor genau 71 Jahren flogen alliierte Bomber einen Luftangriff gegen Saalfeld. Aus diesem Grund fanden sich am heutigen Tage Menschen zu einem offiziellen Gedenken zusammen und gedachten der sogenannten ,,Opfer“ jenes Bombardements. Auch gedachten sie in diesem Kontext wohl dem Nationalsozialismus, auch wenn man diesen auf offiziellen Gedenkfeiern ungern beim Namen nennt. Vielmehr werden Begriffe, Assoziationen oder vermeintliche Synonyme gesucht um das unbegriffene zu benennen. Man spricht fortan nicht mehr vom Nationalsozialismus, sondern bedient sich Begriffen wie: Gewaltherrschaft, Militärdiktatur oder redet ganz und gar von einem ,,autoritärem Regime“. Dass diese Ersatzwörter de facto nicht dazu dienen den Nationalsozialismus zu umschreiben und ebenso nicht von Wortgewandtheit sondern von grober Unwissenheit zeugen, gilt es immer wieder aufs neue zu betonen.

Nahezu alle Deutschen trugen ihren Teil dazu bei, dass die Todesfabrik reibungslos funktionierte. Viele waren euphorisch und begeistert von den Ideen der Nazis und jubelten mit, andere schauten schlicht weg oder fanden sich mit den Bestrebungen der Nationalsozialisten ab und arrangierten sich mit ihnen. Der Antisemitismus war kein gut gehütetes Staatsgeheimnis, im Gegenteil, er war das, was die Volksgemeinschaft erst zusammenfügte und zusammenhielt. Im völkischen Kollektiv war der Klassenantagonismus faktisch abgeschafft, alle, ob Bauer oder Fabrikbesitzer, hatten ein gemeinsames Feindbild, den Juden, welches sie für die zerstörerische Dynamik des Kapitalismus verantwortlich machten. Der Antisemitismus war öffentlich und konnte ungehemmt ausgelebt werden. Alle Deutschen sahen, wie Synagogen brannten, oder waren gar verantwortlich dafür, sie alle haben Tag für Tag gehört, wie zur Ausrottung des Judentums aufgerufen wurde. Nahezu ganz Deutschland war beflügelt von der Stärke und Überlegenheit des völkischen Kollektivs. Daher sahen die meisten Deutschen die Alliierten auch nicht als Befreier an sondern als Feinde, die ihr Land besetzten und ihre Illusionen und Ziele zerstörten. Von Trauer war im postnazistischen Deutschland nur etwas zu vernehmen, wenn es darum ging sich selbst zu betrauern, um die tatsächlichen Opfer der nationalsozialistischen Barbarei wurden dabei nicht im entferntesten beweint. Vielmehr verliehen die Deutschen durch ihre Selbststilisierung als Opferkollektiv ihrer narzisstischen Kränkung über die militärische Niederlage Deutschlands Ausdruck.

Die öffentliche Faschismusdefinition ist unter dem Strich eine bedeutende Verharmlosung und Relativierung des Faschismus, da sie ins Zentrum stellt, was der Faschismus mit Militärdiktaturen und autoritären Regimes gemeinsam hat und dabei ausblendet oder verdrängt was ihm seine Singularität verleiht, nämlich die Vernichtungslager.

Doch auch von Vernichtungslagern oder von einer Singularität der deutschen Tat spricht man auf offiziellen städtischen Gedenkfeiern nicht. Vielmehr verkehrt man die Todesfabriken zu Bildungsanstalten und schlägt so endlich aus dem ewigen Klotz am Bein, der den Deutschen immer nur Ballast war doch noch Kapital, zumindest moralisches und ideeles. Man hatte aus der Geschichte gelernt, da war und ist sich die neue Volksgemeinschaft von CDU bis hin zur außerparlamentarischen Linken sicher. Der deutsche Nationalismus konstatierte und konstatiert sich nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz indem die Gedenkpolitik zum Ideal stilisiert wird und man von der eigenen Mittäterschaft, oder derer der Eltern, wusste oder besser gesagt: über die Vergangenheit bescheid wusste, denn von Mittäterschaft oder von einer Kollektivschuld der Deutschen war nie ernsthaft die Rede. Auschwitz wurde zu einem ,,Versehen“, einem ,,Ausrutscher“. Kann ja mal passieren. Die Verhältnisse, die Auschwitz als Konsequenz und eben nicht als Bruch mit der Geschichte oder als ,,Ausrutscher“ hervorbrachten blieben unbeleuchtet und werden bis heute nur von sehr wenigen Gruppen und Initiativen thematisiert.

Doch nicht nur das, im neuen Deutschland in dem man aus der Geschichte ja soviel gelernt hatte fühlte man sich plötzlich wieder in der Position eine aktive Rolle in der internationalen Politik einzunehmen. Insgeheim ist sich jeder bewusst, dass man in einem historisch derart vorbelastetem Staat, dem Rechtsnachfolger des dritten Reiches nämlich, wohl nie von so etwas wie Normalität sprechen kann. Doch die Sehnsucht danach ist ungebrochen. Deshalb laufen alle Bestrebungen darauf hinaus, als geläuterte Nation gerade in der Übernahme globaler Verantwortung seine „Normalität“ auch praktisch beweisen zu wollen. Dies erklärt die übermütige außenpolitische Agitation Deutschlands, welches längst wieder die Hegemonialmacht innerhalb der EU geworden ist, vor allem in der sogenannten ,,Flüchtlingskrise“. Die ganze Welt soll sehen, dass das deutsche Wesen heute durch eine unübertreffliche Friedensliebe bestimmt ist, an der die ganze Welt teilhaben können soll. Dem friedliebenden Deutschen fällt als Reaktion auf internationale Konflikte nur der Ruf nach Frieden ein der stets mit der latenten Erinnerung einhergeht, das man selbst zweimal militärisch gestoppt werden musste.

Redebeitrag 2: Perspektiven Antifaschistischer Gedenkpolitik

Ein Gedenken ist durchaus sinnvoll und auch notwendig, jedoch muss Gedenkpolitik darauf abzielen die Shaoh als unabgegolten und unabgeltbar herauszustellen. Antifaschistische Gedenkpolitik muss das Nachleben des Nationalsozialismus thematisieren und folglich den Bruch mit Deutschland und seiner Ideologie befördern. Gerade weil die Gesellschaft nach Auschwitz keine grundlegend andere geworden ist, und die Möglichkeit einer Wiederholung, wenn auch nicht zwingend in Form eines erneuten Lagerkomplexes, fortbesteht. Der kategorische Imperativ Adornos2, (,,Daß Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts ähnliches geschehe…“) muss in die Gedenkpolitik einbezogen, gar zu ihrem Wesenselement werden, es muss versucht werden den Antisemitismus in seinem Wandel zu verstehen, es muss erklärt werden, warum Adorno dezidiert auch vor ,,ähnliche[m]“ warnt, denn der Antisemitismus suchte und fand in seinem Ziel, die Juden zu Vernichten, stets neue Wege (aktuell vor allem im Atomprogramm des iranischen Regimes, welches dazu ein noch effektiveres Mittel wäre als ein erneuter Lagerkomplex). Doch hat auch die offizielle Gedenkpolitik sicherlich auch Vorteile, denn wenn die Gedenkpolitik und mit ihr die Gedenkstätten zu einem Symbol des neuen Deutschland werden, so sind antisemitische Schändungen, die immer noch sehr häufig vorkommen, auch ein Problem für eben dieses ,,bessere Deutschland“. So trägt das offizielle Gedenken trotz aller Widersprüche auch dazu bei, dass der offene Antisemitismus thematisiert wird.

Die deutsche Gedenkpolitik zielt im Wesentlichen nicht auf eine wirkliche Aufarbeitung der Geschichte ab, sondern bildet das Fundament eines neuen deutschen Selbstbewusstsein, das sich nicht trotz sondern gerade wegen Auschwitz entwickelte. Die Form des Gedenkens hat sich über die Jahre gewandelt, von einem Verschweigen hin zu einem inflationärem ,,Aufarbeiten“. Die Geschichte Deutschlands wird heute in den allermeisten Fällen nicht verleugnet, sondern als Teil eines neuen Deutschlands, dass aus der Geschichte gelernt hat, aufgefasst. Auch der Antisemitismus wandelte sich mit der Gedenkpolitik, heute verweist der offene Antizionismus auf eben diesen deutschen Nationalismus, der sich in der ,,Aufarbeitung der Geschichte“ neu entdeckte. Die Gedenkpolitik birgt etliche Formen der Schuldabwehr bzw. -relativierung bis hin zur Holocaustleugnung oder -verharmlosung, wobei vor allem die Leugnung des Holocaust heute strafrechtliche Konsequenzen nach sich zieht und politisch eher marginal auftritt, ist die Schuldabwehr bzw. -relativierung fester Bestandteil von offiziellen Gedenkveranstaltungen.

Inhaltlich ist der deutschen Gedenkpolitik also bei jedem Versuch die Shoah als bewältigt, oder als vergangen darzustellen oder ihr die Singularität zu nehmen, indem man sie in einen Gedenkkontext mit anderen Verbrechen welcher Art auch immer stellt, entgegenzutreten. Zudem gilt es jeglichen Schuldabwehr bzw. -relativierungsversuchen der Deutschen entschieden zu widersprechen. Antifaschistische Gedenkpolitik zielt also nicht auf eine ,,Versöhnung über den Gräbern“3 oder eine Versöhnung mit Deutschland ab, im Gegenteil, eine wirklich antifaschistische Gedenkpolitik ist antideutsch, sie beleuchtet sowohl den Kontext des Nationalsozialismus und benennt die Täter der nationalsozialistischen Barbarei als solche und gedenkt ihnen nicht als Opfer. Zudem ist es Aufgabe antifaschistischer Gedenkpolitik die Verhältnisse, sprich die kapitalistische Gesellschaft und die Möglichkeit ihres krisenhaften Verfalls zur faschistischen Barbarei stets zum Gegenstand kritischer Reflexion auch der eigenen Theorie und Praxis zu machen. Die Deutschen mögen ihren Frieden mit der Geschichte gemacht haben indem sie Auschwitz durch ein inhaltsloses Gedenken de facto vergessen machen wollen, diesen falschen Frieden gilt es auch weiterhin zu stören.

Redebeitrag 3: Saalfeld im Nationalsozialismus

Am 09. April 1945 wurde die Stadt Saalfeld, nicht grundlos, von alliierten Fliegerstaffeln zerstört. Jahre später wird dieser Tag zum zentralen Gedenktag für die Saalfelder um scheinbar legitim Tränen für die Opfer dieses Bombardements zu vergießen. Dieses Gedenken ist ebenso nivellierend wie geschichtsrevisionistisch, denn es stellt die deutschen Täter auf eine Stufe mit ihren Opfern und verdreht zudem die Rolle der Alliierten von Befreiern zu Verbrechern. Die Gründe auch Saalfeld gegen Ende des zweiten Weltkrieges zu bombardieren möchte ich im Folgenden kurz erläutern.

1. War auch Saalfeld ein wichtiger Rüstungsstandort im Dritten Reich.

1935, vier Jahre vor Kriegsbeginn stellte die Optische Anstalt Saalfeld, die eigentlich Kameraobjektive produzierte, auf die Produktion von Entfernungsmessern und Zielgeräten zur Aufrüstung um. Großaufträge machten einen Ausbau nötig der 1937 fertiggestellt wurde. Damit wurde Saalfeld erstmals zu einem wichtigem Rüstungsstandort.

Mit Unterstützung der Wehrmacht wurde 1937 dann die Firma ,,Saalfelder Apperatebau GmbH“ gegründet, diese war ein völliger Rüstungsbetrieb. 1943 wurden in Folge der Ausrufen des ,,totalen Krieges“ im Meininger Hof in Saalfeld, die Saalfelder Betriebe so eingestellt, dass sie kriegswichtiges Material produzieren, manche Betriebe stellten die branchentypische Produktion ganz ein. So etwa die Victoria-Nähmaschinen Fabrik, die fortan Material zur Kriegsführung produzierte. Dies zeigte einmal mehr die Priorität, die der Krieg und mit ihm einhergehend die Vernichtung der Juden für die Deutschen hatte.

2. War der Saalfelder Bahnhof ab 1942 Durchgangsstation für Deportationszüge vor allem aus dem fränkischem Raum

3. Waren die Bombenangriffe nötig um den Willen der Bevölkerung zu brechen, die bis aufs Letzte weiter kämpfte und lieber gewillt war für ihren Führer und die Volksgemeinschaft zu sterben, als von den Alliierten regiert zu werden und Verantwortung für ihre Taten tragen zu müssen. Mit dem zweiten Weltkrieg war nämlich keinesfalls schlicht der Krieg beendet, es war auch das akute Ende der Deutschen Mission, also der Vernichtung der Juden. Die Sehnsüchte und Hoffnungen der Deutschen die sie in ihren Führer und in die Volksgemeinschaft projiziert hatten wurden von den Alliierten Befreiern zerschlagen und das war für den Großteil der Bevölkerung weitaus schlimmer, als zu sterben. Auch die Saalfelder Bevölkerung leistete bis zuletzt erbitterten Widerstand. Am 07. April 1945 war in der letzten Ausgabe der ,,Saalfelder Zeitung“ ein Aufruf des Thüringer Gauleiters an die Saalfelder Bevölkerung zu lesen, der dazu aufforderte erbitterten Widerstand zu leisten.

Am 9. April flogen amerikanische Bomber Luftangriffe auf Saalfeld. Das Hauptziel war vor allem der Bahnhof, als Verkehrsknotenpunkt, welchen auch Deportationszüge passierten, und dessen Umgebung. Zudem wurden mehrere Fabriken zum Ziel des Bombardements. Das es bei den Bombardements auch Wohnhäuser traf, und auch 205 Menschen ums Leben kamen, was bei mehreren Tausend Einwohnern objektiv betrachtet ein wirklich geringer Teil, war, ließ sich wohl nicht vermeiden. Zum Vergleich, bei einem der ersten Luftangriffe der Deutschen auf eine polnische Kleinstadt (Wielun) am 1. September 1939 wurde die militärisch unbedeutende Stadt größtenteils zerstört und schätzungsweise bis zu 1.200 Menschen wurden getötet. Das zeigt deutlich, dass sich die alliierten Luftangriffe keineswegs gegen die Bevölkerung, sondern gegen militärisch relevante Ziele richteten. Gerechtfertigt waren die Bombenabwürfe, die primär Fabriken und dem Bahnhof galten, jedoch in der Tat. Denn, wie versucht wurde aufzuzeigen, wurde auch in Saalfeld allerhand kriegswichtiges Material produziert, es fuhren auch in Saalfeld Deportationszüge und auch in Saalfeld waren die Deutschen nicht gewillt sich zu ergeben, also der Treue gegenüber der Volksgemeinschaft abzuschwören, im Gegenteil, auch am 10. April 1945, einen Tag nach dem Bombardement der Alliierten klebten Saalfelder ,,Zivilisten“ den letzten Aufruf des Thüringer Gauleiters erbitterten Widerstand zu leisten an die Hauswände und zeigten somit, das sie bereit waren lieber für das völkische Kollektiv zu sterben, als sich zu ergeben. (vgl.: Thüringer Volkszeitung vom 14.1.1946).

Am 12. April sprengte die Wehrmacht alle Eisenbahnbrücken in Saalfeld. Die östliche Stadt wurde noch immer von einer Division aus Wehrmacht und Volkssturm verteidigt. Weiterhin stecken Wehrmachtsangehörige die Malzfabrik Otto Eckardt in der Pößnecker Straße in Brand in der tausende Ballen von Uniform,- Mantel,-Hosen,-Futter,-Hemden und Unterhosenstoff lagerten, welches in der Nachkriegszeit gut hätte gebraucht werden können. (vgl. Saalfische 1995, Nr. 31). Am 13. April sprengte ein Kommando der deutschen Wehrmacht die Saalebrücke mit Genehmigung des Bürgermeisters. Kurz darauf schloss sich der Bürgermeister dem Widerstand in Altsaalfeld an und gab sein Amt ab. Der amtierende Bürgermeister übergab gegen 11 Uhr dem vorläufigen Kommandanten der US-Army die Stadt. Die Wehrmacht hielt jedoch Altsaalfeld weiter in Besitz und zerstörte im Zuge eines Beschusses Wohnhäuser in der Saalstraße. (vgl.: Thüringer Volkszeitung vom 14.1.1946).

Am 15. April endeten schließlich die Gefechte und es kehrte eine Waffenruhe ein. Am 8. Mai 1945 war der Krieg dann auch für Gesamtdeutschland verloren. Die Deutschen waren besiegt wurden und mit dem Krieg wurde auch ihre Illusion und der Horror beendet in den sie die Welt gestürzt hatten.

3Helmut Kohl sprach bei einer Gedenkfeier für die Opfer der Schlacht von Verdun (siehe: ,,Der erste Weltkrieg“ in dieser Broschüre) von einer ,,Versöhnung über den Gräbern“. Diese Redewendung wurde vielmals auch im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Opfer der Shoah, z.B.: von Christine Lieberknecht aufgegriffen und reproduziert.

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