Der erste Weltkrieg und der Weg in den nationalsozialistischen Vernichtungskrieg

Der Weg in den ersten Weltkrieg

Viele, die den Nationalsozialismus verstehen möchten und mehr oder weniger ,,neu“ auf diesem Terrain sind, bedienen sich voller Hingabe allerhand historischer Fakten und Dokumentationen von Geschichtswissenschaftlern. Das aber allein Fakten die nationalsozialistische Barbarei nicht annähernd begreifbar machen können, weil die Frage nach der Kausalität, die Frage nach Ursache und Wirkung, die Frage nach dem ,,Warum?“ allzu oft unbeleuchtet und somit unbeantwortet bleibt. Gerade die Geschichtswissenschaft ist hierbei eine ausgesprochen ungeeignete Methode, um den Nationalsozialismus umfassend zu verstehen, da sie in erster Linie nicht etwa der Wahrheit, sondern der Nation verpflichtet ist. Wenn man es also ernst damit meint, den Nationalsozialismus verstehen zu wollen, muss man sich die gesellschaftlich-mentalen Voraussetzungen die ihn ermöglichten so weit und so ausführlich wie möglich vergegenwärtigen. Es muss unbedingt versucht werden, die Frage nach dem ,,Warum“ so umfassend wie möglich zu beantworten.

Der Nationalsozialismus und seine Entstehung können nicht aus dem Kontext und der Kontinuität zur deutschen Geschichte gelöst werden, er war, wie so oft behauptet, kein Bruch mit der Geschichte Deutschlands, sondern die Konsequenz des Weges, welchen die Deutschen schon lange vor 1933 einschlugen. Schon vor dem ersten Weltkrieg waren die gesellschaftlichen Verhältnisse, ideologischen Rahmenbedingungen und mentalitätsgeschichtlichen Dispositionen in Deutschland besonders bemerkenswert. Ein panisch-autoritärer Etatismus, also eine Theorie, die das gesellschaftliche Leben autoritär durch den Staat reguliert haben will, eine Politik, die die Zuständigkeit des Staates auszuweiten versucht zu Lasten der Rechte, der Kompetenzen, der Freiheit und der Selbständigkeit der Gesellschaft und letztendlich jedes einzelnen Menschen, vor allem in wirtschaftlicher und persönlicher Hinsicht. Symptomatisch dafür ist, dass ein ,,gesteigertes Ansichreißen sämtlicher Bereiche des ökonomisch-gesellschaftlichen Lebens durch den Staat [sich] artikuliert […]“ einhergehend „mit dem einschneidenden Verfall der Institutionen der politischen Demokratie sowie mit drakonischen und vielfältigen Einschränkungen der sogenannten ‘formalen’ Freiheiten, die man erst wirklich zu schätzen lernt, wenn sie einem genommen werden.”1. Dieser autoritäre Etatismus war quer durch alle politischen Parteien ganz groß angelegt und die Begeisterung für den Militarismus, vor allem den preußischem, zog sich durch die gesamte deutsche Gesellschaft. Der erste Weltkrieg war, wie der zweite, ein ideologischer Krieg gegen die westliche Moderne. Das deutsche Kaiserreich war ein Militärstaat der soziale Sicherheit durch soldatische Disziplin versprach, was nicht nur der Autoritarismus, sondern auch ,,die Panik, mit der Tendenz zur Flucht nach vorn“ verdeutlichen. Die preußischen Tugenden hießen vor allem Gehorsam, Disziplin und Opferbereitschaft für das völkische Kollektiv, die Menschen wurden nicht zur Mündigkeit, sondern zu Untertanen erzogen. In der ,wilhelmischen Polykratie´ (Wehler), ,,die als Art Vorläufer der NS-Polykratie gesehen werden kann, wetteiferten die konkurrierenden Akteure in militärischem Patriotismus.“2 Auch die Sozialdemokraten machten bei diesem Wetteifern fleißig mit. So schrieb Heinrich Ströbel 1915 in einem Bericht der preußischen Landesfraktion der SPD: ,,Daß die Geister sich scheiden, und der neue Geist des nationalen Sozialismus sich so unverholen bekundete [sei] hocherfreulich.“3 Auch die Kriegsbegeisterung zog sich durch alle Gesellschaftsschichten und wurde zu einer ,,Bürger-und Beamtenpflicht“². Damit war praktisch die ,,konstituive Feindschaft gegen den westlichen, und hier besonders gegen den englischen, Liberalismus als Staatszweck“² gesetzt und eine kriegerische Auseinandersetzung war stets naheliegend. So war die antienglische Propaganda im deutschen Kaiserreich kein Zufall. Vielmehr richtete sich der Antisemitismus der Deutschen, der auch damals schon ein Wesenselement war, im Kaiserreich gegen England. Werner Sombart verdeutlichte diesen Antisemitismus, als er in seinem Werk ,,Die Juden und das Wirtschaftsleben“ welches 1911 erschien, propagierte, dass das ,,hart arbeitende, soziale Waldvolk der Germanen einem unproduktiv-spekulativem ‚Saharismus` der Juden entgegentreten müsse“4. Damit nahm er, wie später die Nationalsozialisten im dritten Reich, eine Einteilung in raffendes und schaffendes Kapital vor und spaltete alles negative im Kapitalismus auf ein ,,Anti-Subjekt“ ab. 1915 bezog er diesen Antisemitismus in seinem Werk ,,Helden und Händler“ direkt und zweckbedingt auf England indem er die Engländer als ,,verachtenswertes Händlervolk mit seelenlosem Krämergeist“5 bezeichnete gegen welches man sich zur Wehr setzen müsse. Doch gab es neben diesem zweckbedingt gegen England gerichteten Antisemitismus im Kaiserreich, wie erwähnt auch Anfeindungen, welche sich direkt gegen Juden richteten. So sagte Kaiser Wilhelm II zum Beispiel: ,,Die Juden müssen vom deutschen Boden vertilgt und ausgerottet werden […] das Beste wäre wohl Gas“.

Der Germanenkult richtete sich im ersten Weltkrieg am stärksten gegen England, welches durch seinen Liberalismus etc., stellvertretend für den ,,zersetzenden Individualismus“ und den ,,bindugslosen Markt“(2) stand. Schutz vor diesem erhoffte man sich, ähnlich wie im zweiten Weltkrieg, vom Volksstaat. In jenem Volksstaat war die Klassengesellschaft, und mit ihr das Kapitalverhältnis, negativ aufgehoben zu einer völkischen Gemeinschaft die einen gemeinsamen Feind hatte. Im Nationalsozialismus wurde diese negative Aufhebung des Kapitalverhältnisses, in einem noch gravierenderem Maße erneut vollzogen als sich ,,Herr und Knecht gemeinsam gegen die Juden“ (Bruhn)(3) wandten und den Klassenantagonismus faktisch abschafften.

Die antienglische Propaganda im Kaiserreich jedenfalls war allgegenwärtig, Plakate auf denen ,,Der Hauptfeind ist England“ stand, hingen während des Krieges an nahezu jeder Wand und in fast jedem Geschäft in Deutschland und das Lied ,,Hassgesang gegen England“ war wohl jedem Deutschen bekannt. In jenem Lied fand sich unter anderem die Zeile, dass England ,,die Völker in Sold“ nehme und sich ,,hinter Wällen aus Gold [verschanze]“6. Diese verschwörungstheoretische Grundlage, dass ein Volk welches sich ,,hinter Wällen aus Gold verschanze“ die ,,Völker der Welt in Sold“ nehmen würde fand sich ein paar Jahre später in der Agitation der Nationalsozialisten gegen die Juden wieder.

Europäische Situation

Im deutschen Kaiserreich wartete man sehnsüchtig auf eine Gelegenheit, endlich losschlagen zu können und drängte Österreich zu einem Krieg gegen Serbien. Die Parole hieß lange vor dem Attentat von Sarajevo schon: ,,Jetzt oder Nie“ und wurde danach immer lauter. Österreich stellte infolge des Attentats Forderungen an Serbien (Täter vor Gericht stellen, beteiligte Beamte entlassen, Propaganda gegen das Habsburger Reich einstellen, Gebietsansprüche aufgeben), welche Serbien weitestgehend annahm. In der deutschen Propaganda wurde dies allerdings vertuscht. So titelte das ,,Berliner Tagesblatt“ am 25. Juli 1914 beispielsweise: ,,Serbien lehnt Österreichs Forderungen ab“. (vgl.: Berliner Tagesblatt vom 25. Juli 1914, Nr. 373a.). Auch Russland, welches Schutzmacht Serbiens war, drängte Serbien zu Mäßigung. Serbien nahm schließlich ein Ultimatum Österreichs an und war bereit zum Einlenken. Deutschland drängte dennoch auf Krieg und so begann am 28. Juli 1914 schließlich der erste Weltkrieg, an dessen Ausbruch Deutschland, durch seine Expansionspläne, seine Kriegsvorbereitungen, seinem Streben nach Macht und Kolonien, sein Drängen auf den Kriegsausbruch und schließlich durch die Besetzung Luxemburgs und den Einmarsch in das neutrale Belgien im August 1914 die zentrale Schuld trug. Die Mittelmächte, Deutschland und Österreich-Ungarn führten Krieg gegen die Entente-Staaten Frankreich, Russland und Großbritannien. Viele weitere Staaten traten im Verlauf in den Krieg ein. Es war der erste Krieg, in welchem sich Länder mit technisch hoch entwickelten Waffen im Kampf gegenüber standen. Viele junge Männer meldeten sich in Deutschland freiwillig an die Front und die Euphorie war gewaltig.

Vom Durchmarschmassaker zum zermürbenden Stellungskrieg

Im Osten erzielte das deutsche Heer auch schnell erfolge und konnte viele russische Truppen (zum Beispiel bei Tannenberg) in die Flucht schlagen und Gebietsgewinne verzeichnen.

Auch im Westen gelangten die deutschen Truppen bis zu 30km nah an Paris heran, bis sie schließlich an der Marne von französischen und britischen Truppen gestoppt wurden. Beim Durchmarsch durch das neutrale Belgien verübten die deutschen Soldaten etliche Massaker an belgischen Zivilisten, bis sie schließlich bei Flandern von Truppen aus britischen, französischen und kanadischen (Kanada gehörte zum britischen Königreich) gestoppt wurden. Der Krieg wandelte sich allerorts zu einem mühsamen und für alle Seiten verlustreichen Stellungskrieg. Beispielhaft ist hier die Schlacht von Verdun, die als Folge des gescheiterten Angriffs auf Paris 1916 begann. Letztendlich konnte auch Verdun nicht von den deutschen eingenommen werden. Allein zwischen Februar und Dezember 1916 starben in dieser Schlacht 300.000 Soldaten. Die Deutschen sahen sich mehr und mehr zum Rückzug gezwungen. Dabei kam auch die Taktik der ,,verbrannten Erde“, bei welcher auf dem Rückzugsweg alles in Schutt und Asche gelegt wurde um den anrückenden Feinden nur Trümmer zu überlassen zur Anwendung. Als Beispiel sei hier der Rückzug der deutschen Truppen von der ,,Schlacht an der Somme“ in Belgien genannt, bei welchem über 280 Dörfer restlos zerstört wurden.

Die Luft wird dünner

1917 folgte die endgültige Wende im Krieg, das deutsche Heer war sehr geschwächt und der deutschen Bevölkerung fehlte es an allem, was letztlich auf die Millionen fehlenden Arbeiter, die an der Front waren, zurückzuführen war. In Russland kam es zur Oktoberrevolution, welche in Deutschland die Hoffnung auf eine Schwächung Russlands erweckte. Diese Hoffnung wurde erfüllt, der infolge der Revolution drohende Bürgerkrieg zwischen Bolschewiki und den Anhängern des Zaren eröffnete Deutschland die Möglichkeit Lenin 1918 die Bedingungen für einen Frieden zu diktieren. Mit diesem Friedensvertrag gerieten baltische Länder und Polen unter deutsche Kontrolle, Deutschland erreichte damit faktisch sein Kriegsziel im Osten. Auch die Truppen konnten von der Ostfront abgezogen werden und an der Westfront weiter kämpfen. Es folge eine erneute Mobilmachung deutscher Truppen, welche nochmals in die Nähe von Paris vordrangen. Der Angriff wurde schließlich jedoch aufgrund des mangelnden Nachschubes abgebrochen. Im August 1918 starteten die Alliierten dann einen Vorstoß und die Deutschen mussten abermals den Rückzug antreten, damit war die Niederlage Deutschlands de facto besiegelt. Auch Österreich verlor nach einer Reihe von Niederlagen (z.B. gegen Italien) den Krieg und das osmanische Reich, welches als Verbündeter Österreich-Ungarns gekämpft hatte, zerfiel. Bis heute weigert sich der Nachfolgestaat, die Türkei, für den Völkermord an den Armeniern im ersten Weltkrieg die historische Verantwortung zu übernehmen. Beendet wurde der Krieg letztendlich am 11. November 1918 mit einem Waffenstillstandsabkommen. Die Mittelmächte waren geschlagen und die Entente-Staaten gingen als Sieger hervor. Es kam bekanntermaßen zum Versailler Freidensvertrag, welcher unter anderem beinhaltete, dass: Deutschland Reparationszahlungen in Höhe von 269 Milliarden Mark zu bezahlen hat, Elsass-Lothringen an Frankreich abzutreten waren, Westpreußen und die Provinz Polen an Polen abgetreten werden mussten und Deutschland seine Kolonien aufgeben musste. Zudem musste Deutschland Panzer, Kriegsschiffe und Flugzeuge ausliefern oder zerstören und die Heeresstärke wurde auf 100.000 Mann beschränkt. Das entscheidende war jedoch, dass die Hauptschuld am Kriegsausbruch, völlig zurecht, den Deutschen attestiert wurde. Artikel 231, befand: ,,Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, dass Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“

Schon damals ahnungslose unschuldige Opfer

In Deutschland hingegen war man sich sicher, 1914 einen Verteidigungskrieg geführt zu haben und so distanzierte sich die Regierung der Weimarer Republik von der Entscheidung der Sieger. Ein Kampf um die sogenannte ,,Kriegsschuldlüge“ entbrannte. In Deutschland bemühte man sich schon unmittelbar nach Kriegsausbruch darum, den Krieg als Verteidigungskrieg darzustellen. Kaiser Wilhelm der II. verkündete am Tag des Einmarsches in das neutrale Belgien: ,,Es muss denn das Schwert nun entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf zu den Waffen“7. Das dies eine klare Verdrehung der Tatsachen war, da es die deutsche Armee war die offen gegen das Völkerrecht verstoßen hatte und dabei war belgische Zivilisten zu massakrieren, daran störte sich in Deutschland niemand. Stattdessen wurde die Propaganda vom ,,Verteidigungskrieg“ überall im Reich verbreitet. Es war daher für die Deutschen nach Ende des Krieges nicht hinnehmbar, dass sie als Schuldige da standen und so wurde alles daran gesetzt, diese ,,Schuldlüge“ zu tilgen. Ziel war die Revision des Versailler Schuldanspruchs. Der revisionistische Kampf glich einem Wahn, jegliche Publikationen die die offizielle Interpretation der Weimarer Republik auch nur anzweifelten wurden umgehend zensiert.

Es war eben ein Ausrutscher

Doch auch ohne diesen Aufwand glaubte in Deutschland ohnehin kaum einer an die Kriegsschuld Deutschlands. Auch der internationale Konsens wandte sich bis zum Anfang der 30er Jahre zugunsten Deutschlands, so fasste der ehemalige britische Premierminister David Lloyd George 1933 in seinen Memoaren prägnant zusammen, Europa sei 1914 in den Krieg „hineingeschlittert“. Dies belegt die Verleugnung all jener Voraussetzungen, speziell derer in Deutschland, die wir versucht haben anfänglich darzustellen, und die zum Krieg führten. Der Krieg wurde somit praktisch zum ,,Versehen“ an dem keine Nation eine besondere Schuld hätte. Diese Wandlung der internationalen Auffassung kam vor allem Deutschland zugute. Adolf Hitler griff dies auf und erklärte 1937 im Reichstag, zehn Jahre nachdem die Revision der Versailler Verträge bereits von Hindenburg gefordert wurde, dass die Kriegsschuldfrage endgültig gelöst sei, nachdem Deutschland ,,15 Jahre lang das Leben eines Aussätzigen unter den anderen Nationen zu führen gezwungen worden war“8. Es kam zur berühmten Redewendung von den ,,Fesseln von Versailles“. 2014 erlebte die Kriegsschulddebatte im Übrigen ihr erneutes Comeback, doch darum soll es an dieser Stelle nicht gehen.

Die Deutschen sahen den Grund für den Kriegsausbruch nicht bei sich und damit erst recht nicht in ihrer Ideologie, in ihrem antizivilisatorischen Agieren gegen die westliche Moderne oder in ihrem panisch-autoritärem Etatismus mit der erwähnten Tendenz zur Flucht nach vorn. Dies war entscheidend für das weitere Vorgehen in der Nation. Die Ideologie der Deutschen, die Verhältnisse, gemeint ist die kapitalistische Produktionsweise9, die gesellschaftlich-mentalen Bedingungen die in den ersten Weltkrieg führten blieben also bestehen. Doch richtete sich der Antisemitismus, welcher die Quintessenz (das Wesentliche) der Volksgemeinschaft im dritten Reich bildete, nun nicht mehr zweckbedingt gegen England, sondern direkt gegen die Juden. Das kollektive Ideal war die im Antisemitismus reflektierte negative Utopie einer bürgerlichen Gesellschaft ohne kapitalistische Krise, einer Gesellschaft bürgerlicher Subjekte ohne Markt, ohne Konkurrenz, und somit ohne Juden. Denn die Juden galten der Volksgemeinschaft als ,,Gegenrasse“, als ,,Anti-Subjekt“ als das ,,negative Prinzip“ als solches, von dessen Vernichtung das Glück der Welt abhinge. Alles Schlechte, alles Nichtverstandene im Kapitalismus wurde auf die Juden projiziert und abgespalten. Sie wurden, um es mit Adorno zu sagen ,,Vom absolut Bösen als das absolut Böse gebrandmarkt“10. Das in die Subjektform gepresste Individuum kann die Gewalt, die es sich selbst zufügen muss, um seiner Funktion als ,,Charaktermaske“(4), wie Marx es nannte, gerecht zu werden, nur aushalten, wenn es sie gegen den ob nun ,,zufällig realen oder notwendig imaginierten Feind und Antagonisten der Kapitalvergesellschaftung“11 wendet. Dieser Feind wird nicht als rechtsfähiger Gegner anerkannt und folglich auch nicht so behandelt.

Demokratie ohne Demokraten

Direkt nach dem Krieg gab es in Deutschland den Versuch, eine Revolution nach russischem Vorbild durchzuführen, dieser scheiterte jedoch nach kurzer Zeit. Die Aufstände wurden mit Hilfe der SPD, genannt sei hier vor allem Gustav Noske, und der Reichswehr blutig niedergeschlagen, es gab über 100 Tote. Die neue Regierung stand von Anfang an unter dem Druck von Kommunisten und Rechtsradikalen, letztere Versuchten einen Umsturz im Frühjahr 1920 mit dem berühmten ,,Kapp-Putsch“, welcher nach Wolfgang Kapp, einem rechtsradikalen Politiker welcher auch die DVP gründete benannt und wurde hauptsächlich von der ,,Marinebrigade Ehrhardt“, einem sehr schlagkräftigem Freikorps, getragen wurde. Bei dem Putsch setzten die Rechtsradikalen in Berlin eine Gegenregierung ein, der Putsch scheiterte letztendlich aufgrund eines Generalstreikes gegen den Putsch.

Es zeigt sich, dass die junge Demokratie in der Weimar Republik von Anfang an auf wackeligen Beinen stand, das lag einerseits an der mangelnden Erfahrung der Regierungspolitiker, aber wohl doch hauptsächlich an der antidemokratischen Einstellung der Bevölkerung. In Deutschland blieb ein enormes politisches Potential vorhanden, welches Adolf Hitler Ende der 1920er Jahre freisetzte.

Die Fragmente deutscher Ideologie, die in den ersten Weltkrieg führten, wurden in der Nachkriegszeit zusammengefügt und synthetisierten schließlich zum Nationalsozialismus. Der antisemitische Wahn nahm eine neue Dimension an indem die Deutschen die Endlösung aus ihm destillierten. Der Weg nach Auschwitz war geebnet.

Der erste Weg in den ersten Weltkrieg, sein Verlauf und seine Folgen in und für Saalfeld

Im folgenden Abschnitt skizzieren wir den Weg in den ersten Weltkrieg, dessen Verlauf und dessen Folgen an konkreten Ereignissen. Dabei werden beispielhafte Ereignisse auf dem Weg in den Volks- und Führerstaat genannt werden. Diese Ereignisse stehen immer im ideologischen Kontext dieser Zeit und sind ohne diese Einbettung nicht denkbar. Mit den Weg in den ersten Weltkrieg und dessen Verlauf speziell in Saalfeld werden wir uns hier vergleichsweise kurz halten und nur ein paar zentrale Geschehnisse beschreiben.

Die Vorkriegszeit:

Auch in Saalfeld wurde allerlei Kriegspropaganda geschürt. Es liegen kaum historische Informationen vor, die einen direkten Bezug zum ersten Weltkrieg aufweisen, auch eindeutige Quellen und Informationen zur Kriegsvorbereitung, Kriegsbegeisterung und zum Nationalismus der Bevölkerung liegen nahezu nicht vor. Dennoch lässt sich in Betracht der Geschehnisse und der Verhältnisse im gesamten Kaiserreich mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass all diese Dinge auch in Saalfeld, wie überall in Deutschland vorhanden waren. Wenn Saalfeld eine Ausnahme dargestellt hätte, wenn es besonderen Widerspruch gegen den Krieg gegeben hätte, lägen dazu höchstwahrscheinlich Informationen vor, da dies etwas erwähnenswertes gewesen wäre.

Saalfeld während des ersten Weltkrieges:

Am 21. Oktober wurde Saalfeld zum ersten Mal Garnisonsstadt, als das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 82 auf dem Marktplatz einzog. Auch in Saalfeld war die Kriegsbegeisterung, wie in Gesamtdeutschland, sehr groß. Am 4. August ging der erste Transport mit ca. 500 Reservisten und Landwehrmännern aus der Stadt.

Im September 1914 wurde die Optische Anstalt zu einem Lazarett für Soldaten umfunktioniert.

Bedingt durch den ersten Weltkrieg kam es in Deutschland mehr und mehr zu einer Knappheit an lebensnotwendigen Dingen. Dies war vor allem darauf zurückzuführen, dass hunderttausende Arbeiter, die im Fronteinsatz waren, fehlten.

Ab 1915 wurden durch entsprechende Maßnahmen Lebensmittel und Gebrauchsgüter rationalisiert. Diese Maßnahmen spitzten sich mit dem Andauern des Krieges zu und erreichten ihren Höhepunkt Ende 1916, als es zum ,,Steckrübenwinter“, bedingt durch die Kartoffelmissernte, kam.

Im Sommer 1917 wurde, bedingt durch die schlechte Kriegslage für Deutschland, die Wirtschaft eingeschränkt, zudem wurde kriegswichtiges Material eingezogen. Vor allem Gegenstände aus Kupfer, Metall und Eisen wurden beschlagnahmt und zu Waffen und Munition eingeschmolzen. Auch zahlreiche Kirchenglocken kamen mit in den Schmelztiegel.

Am 9. Januar 1918 bildete sich in Saalfeld die Ortsgruppe der Deutschen Vaterlandspartei. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten die Fabrikanten Gustav Bodenstein, Adolf Kaiser und Gottfried Nies, der Bürgermeister Werner Hoßfeld und der Bürgerschullehrer Valentin Hopf. Die Partei wurde im gesamten Reich ein Sammelbecken für Rechtsradikale. Sie vertrat antisemitische und rassistische Position und sprach sich trotz der sich zusehens abzeichnenden Niederlage Deutschlands im Krieg für diesen aus.

Am 10. November dankte schließlich, aufgrund der Novemberrevolution, der Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen ab, der bis dahin Landesherr über Saalfeld gewesen war. Parallel dazu bildete sich ein Arbeiter- und Soldatenrat. Am 11. November folgten ca. 6000 Menschen einen Aufruf dieses Rates zu einer Kundgebung anlässlich der Novemberrevolution auf den Saalfelder Marktplatz. Der Arbeiter- und Soldatenrat beschäftigte sich primär mit organisatorischen Fragen des künftigen Staates und löste sich Ende 1918 wieder auf.

Mitte November 1918 bildete sich in Saalfeld eine Ortsgruppe des Spartakusbundes, welcher für die Weiterführung der Revolution eintrat. Diese Gruppe beschloss Mitte Juli die Gründung eines Ortsverbandes der KPD.

Auch in Saalfeld war man sich sicher ab 1914 einen Verteidigungskrieg geführt zu haben. So wurden die Bedingungen, die in den Weltkrieg führten nicht reflektiert und so nahm die Geschichte ihren Lauf in Richtung Nationalsozialismus.

Der Weg in die Diktatur, Saalfeld nach dem ersten Weltkrieg:

Ende Dezember gründete sich die Ortsgruppe der deutschnationalen DVP (Deutsche Volkspartei), in ihrem Wahlaufruf zur Nationalversammlung hieß es, dass die Partei ,,Front gegen die Sozialdemokratie aller Richtung macht“ (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1919, Nr. 1)

Am 5. Januar 1919 fand die Wahl zur verfassungsgebenden deutschen Nationalversammlung statt. In Saalfeld erhielten die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und die Deutsche Volkspartei (DVP) zusammen 6,55% und damit 523 der Gesamtstimmen. (vgl. Saalfelder Kreisbaltt 1919, Nr.17 – John, Geschichte Thüringens in Daten, Seite 203)

Bei den Wahlen zum Meininger Landtag am 9. März 1919 erhielten DVP und DNVP 710, und damit 11%, der Stimmen. (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1919, Nr. 59, 62)

Am 14. Mai führten die Ortsgruppen aller Saalfelder Parteien eine gemeinsame Kundgebung gegen der Versailler Friedensvertrag auf dem Marktplatz durch. Dies zeigt die Gesamtgesellschaftliche jenes Friedensvertrages, dieser zugrunde liegt die ,,Kriegsschuldlüge“ und die Ablehnung der westlichen Moderne. Der Friedensvertrag galt als Übel und wurde nicht als Konsequenz eines Kriegs gesehen den Deutschland begonnen hatte, sondern als Mittel zur ,,Unterdrückung“ des deutschen Volkes. Hitler machte diese Ablehnung berühmt als er von den ,,Fesseln von Versailles“ sprach gegen die man aufbegehren müsse.

Auf den ,,Kapp-Putsch“, der im März 1920 von Rechtsradikalen ausgelöst wurde um den Umsturz der Reichsregierung herbeizuführen, reagierte man in Saalfeld mit Entsetzen. Es kam zu Streiks und zur Einsetzung einer Sicherheitswehr die an der Vorbereitung und Durchführung des Generalstreiks maßgeblich beteiligt war.

Am 20. Juni fanden die Wahlen zum 1. Thüringer Landtag statt. Bei diesen Wahlen erhielt die DNVP 1,47% (95) der Stimmen, die DVP erhielt 29,02% (1873) aller Stimmen und wurde zweitstärkste Kraft nach der SPD. (vgl. Saalfelder Kreisbaltt 1920, Nr 141)

Bei der Reichstagswahl am 6. Juli 1920 erhielt die DNVP 4,28% (338) der Stimmen, die DVP erhielt 23,65% (1869) der Stimmen und wurde zweitstärkste Kraft nach der SPD. (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1920, Nr. 129 und Thüringens Geschichte in Daten, Seite 209). Die Deutschnationale Volkspartei (DVP) fungierte als eine national-liberal gesinnte Partei. Sie pflegte nationalistisches Gedankengut und trat des Öfteren in Kumpanei mit rechts gesinnteren Kräften, was nicht zuletzt ihrem Hang zum völkischen verschuldet ist. Die Partei wird oft als gemäßigt oder fortschrittlich beschrieben, reproduzierte jedoch von Anfang an Nationalismus und völkisches Denken. Schon ab 1920 strebten Teile der Partei daher eine engere Kooperation mit der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) an. 1924 gründete sich auf Grund dessen die Nationalliberale Reichspartei die sich 1925 der DNVP anschloss. Doch auch nach dieser Spaltung verlor die DVP nicht an Nationalismus oder völkischem Denken. Dies machte die Kooperation mit der NSDAP in der ersten Landesregierung mit Beteiligung der NSDAP in der Weimarer Republik, der Baum-Frick-Regierung, 1930 deutlich. Die ,,rechtsbürgerlich-nationalsozialistische Regierungskoalition“ bestand aus DVP, DNVP, WP(Wirtschaftspartei, auch ,,Reichspartei des deutschen Mittelstandes“) und NSDAP. (vgl. http://www.gonschior.de/weimar/Thueringen/Uebersicht_Jahre.html (Stand 14.09.2015, 17:00 Uhr))

Am 19. Februar 1921 formiert sich in Saalfeld die Bruderschaft des ,,jungdeutschen Ordens“. Diese wurde vorwiegend vom Mittelstand getragen und setzte sich für einen Volks- und Führerstaat ein. Wie auch schon vor dem ersten Weltkrieg ist die ideologische Grundlage dieses Einsatzes das Bedürfnis nach einer ,,sozialen Integration der Deutschen in einen Volksstaat der Schutz vor dem bindungslosem Markt garantieren“1 sollte. Das Verlangen nach einem straken Führer entspringt der ,,gesellschaftlich-mentalen Besonderheit des autoritär-panischen Etatismus deutscher Prägung“2 welcher bereits in der vorfaschistischen Zeit existierte.

Bei den Wahlen zum 2. Thüringer Landtag 1921 erhielt die DNVP 4,11 % (298), die Deutsche Volkspartei 27,56 % (1998) der Saalfelder Stimmen, es bestand jedoch eine Mehrheit für Sozialdemokratische und Kommunistische Parteien. (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1921, Nr. 214)

Ende Juni 1922 kommt es zu Zusammenstößen von linksgerichteten Arbeitern mit Angehörigen der Bruderschaft des Jungdeutschen Ordens. Diese ereigneten sich nachdem eine Demonstration der Saalfelder Arbeiterschaft anlässlich der Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau durch den rechtsradikalen Geheimbund ,,Organisation Condor“ vom Stadtrat verboten wurde.

Vom 21. November 1923 bis zum 18. Februar 1924 besetze die Reichswehr im Zuge eines ,,Reichs-Ausnahmezustandes“ die Stadt Saalfeld. Aufgrund des reichsweiten Verbotes der KPD wurden acht kommunistische Funktionäre in ,,Schutzhaft“ genommen. Zudem wurde die Herausgabe der sozialdemokratischen Tageszeitung ,,Saalfelder Volksblatt“ vom 16.-21.01.1924 wegen ,,Schädigung des Ansehens der Reichswehr“ verboten. (vgl. Saalfelder Heimat 1957, S.161 und Patze/Schlesinger, Geschichte Thüringens, 5/2, S. 470 ff.)

Am 28. Januar 1924 trat die Ortsgruppe der kürzlich gegründeteten ,,Deutsch-Völkischen-Freiheitspartei“ öffentlich auf und verbreitete nationalsozialistisches Gedankengut. Bei einer Kundgebung am Meininger Hof verkündete der Redner Walter Kellenbauer aus Nürnberg, dass ,,das Ariertum als schaffender Teil des Volksganzen mit allen Mitteln zu fördern, das Judentum als der raffende Teil aufs schärfste zu bekämpfen sei.“ (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1924, Nr. 23,25). Diese Einteilung in raffende und schaffende Volksteile ist ein Moment der wesentlich Antisemitismus zugrunde liegt. Die Sehnsucht nach einer krisenfreien Akkumulation (Anhäufung von Reichtum) wird artikuliert, diese soll durch die Vernichtung des ,,raffenden Teils“ erreicht werden. Alles negative im Kapitalismus wurde wahnhaft auf ,,den Juden“ projiziert. Diese personalisierte Kapitalismuskritik, das wahnhafte Streben sich das Geheimnis des ,,automatischen Subjektes“ (Marx) anzueignen, es sich förmlich einzuverleiben, endete letztlich in Auschwitz.

Bei den Wahlen am 10. Februar 1924 erhielt die vereinigte völkische Liste 8% (818) der Saalfelder Stimmen. (vgl. Saalfelder Volksblatt Nr. 36, 37).

Im März bildete sich die Ortsgruppe des ,,Werwolf, Bund deutscher Männer und Frontkrieger e.V.“. Diese verfolgte nationalsozialistische und vor allem militärische Ziele. Die Gruppe trat öffentlich durch Aufmärsche und Wehrsportübungen auf und schloss sich später mit dem ,,jungdeutschem Orden“ zusammen. Später verschmolz diese ,,Arbeitsgemeinschaft“ mit dem ,,Stahlhelm“. ,,Dieser, den Wehrgedanken pflegende Verband, ist ein Sammelbecken von Offizieren und Soldaten die den ,Geist der Frontkammeradschaft‘ pflegen und offen eine republikfeindliche Haltung einnehmen.“3 Die Saalfelder Ortsgruppe feierte am 7. und 8. März 1925 ihr einjähriges Bestehen zunächst mit einer Versammlung im Meininger Hof, anschließend mit einem Umzug durch die Stadt und einer Parade des ,,Stahlhelm“ auf dem Marktplatz. Redner bei diesem Schauspiel war Franz Seldte. Er war Bundesführer des Wehrverbandes und forderte die Anwesenden auf, ,,es den gefallenen Kameraden…. in Pflichterfüllung und deutscher Gesinnung gleichzutun“ (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1925, Nr. 53, 58). Diese Glorifizierung der ,,gefallenen Kameraden“, die nichts weiter waren als Mörder in einem antizivilisatorisch-nazionalistischen Krieg den Deutschland erstmals 1914 losgebrochen hatte, gehörte zum festen ideologisch-mystischem Repertoire der Nationalsozialisten. Die Nationalsozialisten jener Zeit waren der Meinung, dass die deutschen Soldaten ,,für die richtige Sache“ gekämpft hatten und einen Märtyrertod für das deutsche Volk gestorben seien. Die Neonazis betreiben heute eine ähnliche geschichtsrevisionistische Inszenierung der Wehrmacht und der Waffen-SS, die nach der Ideologie der Neonazis ebenfalls ,,für die richtige Sache“ kämpften und daher von Mördern zu Helden geadelt werden.

Am 14. März 1924 wurde in Saalfeld die Ortsgruppe des ,,völkisch-nationalen Blocks“ im Meininger Hof als Keimzelle der NSDAP gegründet. Unter den Gründungsmitgliedern befand sich der Volkshochschullehrer und spätere Bürgermeister Paul Müller. Die Ortsgruppe der NSDAP wurde im selben Jahr in der Gaststätte ,,Gerlichers Eck“ gegründet, der Wirt war ebenfalls in der Partei und es wurde ein Versammlungszimmer für die NSDAP eingerichtet. (vgl. Saalfelder Volksblatt Nr. 60 aus dem Jahre 1924)

Bei den Wahlen zum deutschen Reichstag am 4. Mai 1924 gaben über 10,61% (990) der Saalfelder ihre Stimme der NSDAP, 6,98% (651) erhielt die DNVP und weitere 14,98% (1398) bekam die DVP. (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1924, Nr. 105)

Bei den Reichstagswahlen vom 07.12.1924 erhielt die NSDAP 5,76% (567) der Stimmen. Die DNVP bekam 8.96% (882) und die DVP 16,11% (1586) der Saalfelder Stimmen (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1924, Nr. 288).

Am 22.02.1925 fanden in Saalfeld Wahlen zum Kreis- und Gemeinderat statt. Die Nationalsozialistische Wirtschaftsgruppe erhielt bei den Gemeinderatswahlen 8,11% (662) der Stimmen und damit einen Sitz im Gemeinderat (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1925, Nr. 46-48, 56)

Bei den Wahlen zum Reichspräsidenten am 29. März 1925 erhielt Erich Ludendorff, der für die NSDAP kandidierte, 0,91% (84), Karl Jarres, der für den nationalistisch gesinnten ,,Reichsblock“ kandidierte erhielt 47,63% (4388) der Stimmen und ging damit als Sieger aus der Wahl hervor. Da es jedoch nicht für eine absolute Mehrheit reichte erfolgte am 26. April 1925 ein zweiter Wahlgang. Statt Karl Jarres trat Paul von Hindenburg für den Reichsblock und die NSDAP an und ging mit 50,91% (5040) der Stimmen als Sieger aus der Wahl hervor (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1925, Nr. 76,77,98).

Am 13. und 14. Juni trafen sich die Kriegervereine in Unterloquitz und führten einen Bezirksmarsch durch. ,,Das nationalkonservativ gesinnte Bürgertum organisierte sich schon früh in Krieger-(Veteranen-) Vereinen sowie dem ,Stahlhelm‘. Diese Organisationen standen der Republik größtenteils ablehnend gegenüber“4

1925 trafen sich alle SA-Männer des Kreises auf dem Kulm in Saalfeld um zu feiern. (vgl. Thüringer Gauzeitung, vom 14. 03. 1939)

Am 30. Januar 1927 fanden in Saalfeld Wahlen zum 4. Thüringer Landtag statt. Bei diesen erzielte die NSDAP 4,31% (427) der Stimmen. Die Einheitsliste der rechtsbürgerlichen Parteien bekam 23,53% (2329) und wurde zweitstärkste Kraft. Eine weitere nationalistische Partei, die Deutschvölkische Freiheitsbewegung, erhielt 2,28% (226) aller abgegebenen Stimmen. (vgl. Saalfelder Kreisblatt 1927, Nr. 17, 26 und 1928 Nr. 1)

1927 wurde die Saalfelder Gruppe des uniformierten und bewaffneten politischen Kampfverbandes ,,Sturmabteilung (SA)“ gebildet.

Am 20. Mai 1928 gaben bei der Wahl zum Reichstag rund 5% der Saalfelder ihre Stimme der NSDAP und rund 18% der Deutschen Volkspartei, weitere 7% erhielt die deutschnationale Volkspartei.

Am 9. Dezember 1929 fanden in Saalfeld Wahlen zum Thüringer Landtag statt. Bei diesen erhielt die NSDAP rund 17% der Stimmen. Zusätzlich erhielt die deutschnationale Volkspartei 4% und die deutsche Volkspartei 13%. Die Ortsgruppe des ,,völkisch-nationalen-Blocks“ zählte dato 66 Mitglieder.

Am 16. Mai 1930 wird ,,Der Beobachter für den Saale-und Orlagau“ als eigenes Presseorgan der Bezirksgruppe der NSDAP in Saalfeld herausgegeben. In ihm wurden vor allem offener Antisemitismus und antibürgerliche Propaganda publiziert.

Bei den Reichstagswahlen am 14. September 1930 erhielt die NSDAP rund 25% der Stimmen und die Deutsche Volkspartei 9%. Die Wahlbeteiligung lag bei ca. 90%.

Am 7. März 1931 bildete sich die erste Gruppe der HJ und des ,,Bund deutscher Mädel“ in Saalfeld. Am 12. März 1931 kam es dann zu einem Aufmarsch der NSDAP in Saalfeld.

Am 13. März 1932 erhielt Adolf Hitler bei den Wahlen zum Reichspräsidenten 35% der Stimmen der Saalfelder, bei den Stichwahlen infolge dessen erhielt Hitler dann ca. 42% der Stimmen.

Am 16. Juli 1932 provozierten bewaffnete Schlägertrupps der NSDAP Arbeiter die der KPD nahe standen in Gorndorf und versuchen in deren Wohnungen einzudringen, es kam zu Verhaftungen und es wurden 10 Mitglieder der KPD zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Am 31. Juli 1932 erhielt die NSDAP zu den Reichstagswahlen rund 44% der Saalfelder Stimmen. Die DNVP erhielt noch zusätzlich 5%. Am gleichen Tag fanden zudem Kreistagswahlen statt bei denen die NSDAP 43% der Stimmen erhielt.

Am 10. August bildete sich im ,,Hotel Tanne“ der ,,Deutsche Frauenorden“ als Ortsgruppe der ,,Nationalsozialistischen Frauenschaft“ mit anfangs 35 Mitgliederinnen. Dieser diente später zur ideologischen Schulung von ,,Haus-und Landfrauen“.

Bei den letzten Gemeinderatswahlen in Saalfeld während der Weimarer Republik erhielt die NSDAP 37% der Stimmen.

Es zeigte sich, dass in Saalfeld spätestens seit 1924 nationalsozialistische Gruppen existierten und öffentlich auftraten. Anfang 1924 wurde erstmals öffentlich gefordert, die Juden ,, aufs Schärfste“ zu bekämpfen. Der wahnhafte Antisemitismus war daher kein Geheimnis, welches die Eliten hinter anderen Zielen versteckten, er war im Gegenteil öffentlich und wurde von Anfang an als primäres Ziel der nationalsozialistischen Bewegung gehandelt, welches auch bis zum Schluss aller höchte Priorität besaß. Die Menschen wählten Hitler und die NSDAP nicht trotz, sondern gerade wegen ihres Antisemitismus, denn dieser ermöglichte eine pathische Projektion der, aufgrund der Selbstzurichtung des Individuums im Kapitalismus unterdrückten Bedürfnisse. Zudem ist der Antisemitismus eine Reaktion der Gesellschaft auf die objektive Überflüssigkeit des Einzelnen in den bestehenden Verhältnissen. Um sich vor der Einsicht in eben diese Überflüssigkeit zu schützen, flüchtet sich das Subjekt, das um jeden Preis auch Subjekt bleiben will, in ideologische Welterklärungsmuster. So war der Antisemitismus das Wesenselement der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft.

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1 Poulantzas, Nicos (2001): Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, Autoritärer Etatismus. Hamburg: 2. Auflage. Zitiert nach der Neuauflage von 2002, Seiten 231-32

2 Krug, Uli : Bahamas Nr. 69 Herbst 2014, Veränderter moralischer Kompass, ca ira Verlag Freiburg, Seite 21

3 Fendrich, Anton: ,,Der Krieg und die Sozialdemokratie“, Stuttgart/Berlin 1915, Seite 47

4 Sombart, Werner: ,,Die Juden und das Wirtschaftsleben“, München/Leipzig 1911

5 Sombart, Werner: ,,Händler und Helden“, München/Leipzig, Duncker und Humbold, 1915, Seiten 3-6

(2) Ebd.

(3) Diese Wendung gebrauchte Joachim Bruhn bei einer Podiumsdiskussion zum Thema: ,,Wie Deutschland kritisieren“ vom 04.10. 2013 in Stuttgart.

6 Ernst Lissauer, ,,Hassgesang gegen England“ (1914)

7 Wilhelm, Friedrich :,,An das deutsche Volk“, Reichsanzeiger, 06.08.1914

8 Rede von Adolf Hitler zum Reichstag am 30.01.1937

9 zum Verständnis siehe auch: ,,kapitalistische Vergesellschaftung und Antisemitismus“ im Artikel ,,Antisemitismus – mehr als ein Vorurteil“ in dieser Broschüre

10 Adorno, Theodor W.; Horkheimer, Max: ,,Dialektik der Aufklärung“, Elemente des Antisemitismus, Grenzen der Aufklarung I (Erstausgabe 1944)

11 Bruhn, Joachim, http://www.ca-ira.net/isf/beitraege/bruhn-nazismus.erkenntnisfalle.php (Stand: 08.03.2016, 18:10 Uhr)

(4) Auch hier empfiehlt sich zum besseren Verständnis der Abschnitt ,,kapitalistische Vergesellschaftung und Antisemitismus“ im Artikel ,,Antisemitismus – mehr als ein Vorurteil“ in dieser Broschüre

weitere Quellen: Hermann Vinke: ,,Der Erste Weltkrieg“, Gerstenberg Verlag Hildesheim, 3. Auflage, 2014

1 Krug, Uli: ,,Veränderter Moralischer Kompass“, Bahamas Nr. 69, Herbst 2014, Seite 21

2Ebd.

3Zitat Gerhard Werner: ,,Geschichte der Stadt Saalfeld“, Verlag K. Urlaub GmbH Bamberg1997 Band 3, Seite 129

4 Zitat: Dirk Henning: ,,Saalfeld im Dritten Reich“, Seite 15

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